von links: Karl-Josef Laumann, Karl Lauterbach, Anna Schneider (v.h.), Maybrit Illner, Hendrik Streeck (c) ZDF

Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat Kritik an der Pandemie-Öffnungsstrategie seines Landes entschieden zurückgewiesen. „Wir sind nicht waghalsig“, sagte Laumann am Donnerstag, 8. Juli 2021, in der ZDF-Sendung „maybrit illner“.

Die am Freitag in Nordrhein-Westfalen in Kraft tretenden Öffnungen seien „mit einem großen Schutzschirm“ verbunden. Dazu gehörten neben der Inzidenzabstufung weiter der Maskenzwang etwa im öffentlichen Nahverkehr, in Geschäften und in Arztpraxen sowie die Testpflicht am Arbeitsplatz nach Rückkehr aus dem Urlaub. Insgesamt gebe es „kein Bundesland, das so streng testet wie Nordrhein-Westfalen“. Derzeit fänden in seinem Land täglich rund 300 000 Bürgertests statt, die zusätzlichen Tests in den Betrieben würden gar nicht gezählt. Im Moment habe „das halbe Land“ eine Inzidenz unter vier. Wenn demnächst bundesweit wieder Fußballveranstaltungen mit 25.000 Zuschauern stattfinden können, „dann ist die Dorfkirmes in meinem Heimatdorf auch eine Sache, die gehen muss“, sagte der CDU-Politiker.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach widersprach der Ansicht von Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD), wonach coronabedingte Einschränkungen für die Bürgerinnen und Bürger schon im August fallen könnten. „Nein, das wird nicht stattfinden und ist auch rein rechnerisch weit von der Realität“, sagte Lauterbach. Maas schlage damit eine „Boris-Johnson-ähnliche Öffnung“ vor. Das Impftempo sei jedoch stark zurückgegangen. Das Land sei „niemals in der Lage, schon Mitte August oder Ende August auf eine Herdenimmunität zu kommen“, die in irgendeiner Weise eine solch drastische Öffnung möglich machen würde. Zudem reichten die Impfstoffmengen nicht aus, bis August jedem ein Impfangebot zu machen. „Alle Schleusen zu öffnen“, sei nicht zu rechtfertigen. Dann drohten hohe Fallzahlen und medizinische Konsequenzen „einschließlich Long Covid“.

Zum Erreichen der Herdenimmunität brauche es 85 Prozent Geimpfte, so Lauterbach. Fatal sei, dass teilweise der Eindruck entstehe, die Pandemie sei vorbei. Da sie das nicht sei, müsse der Impfstoff „unbürokratisch kreativ“ zu den Menschen gebracht werden, sagte Lauterbach und nannte unter anderem Shisha-Bars und Ausgehviertel. Skeptisch ist der Epidemiologe, ob problematische Bevölkerungsgruppen mit so genannten Stadtteilkampagnen zur Immunisierung bewegt werden können. Mit solchen Aktionen erreiche man erfahrungsgemäß nur etwa fünf Prozent der Menschen, die im Gebiet wohnen. Das sei gut, reiche aber nicht aus.

Für die Schaffung eines interdisziplinären Pandemierats auf Bundesebene machte sich der Virologe Hendrik Streeck stark. Die Idee der Wissenschaft sei es, verschiedene Meinungen in einen Diskurs zu bringen. Gerade in einer Pandemie sei es „unheimlich wichtig“, verschiedene Sichtweisen zusammen zu bringen.