Die Jahrhundertflut in der Region Trier: So erlebte unser Kameramann die Fluten

Wir blicken zurück: So erlebte der Onlinereporter von newstr.de die Jahrhundertflut in der Region Trier.
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Liebe Community, ich (Florian Blaes) war mit der Kamera 27 Stunden ohne Unterbrechung von Mittwoch, 14.07.2021, 13 Uhr bis Donnerstag, 15.07.2021, 16 Uhr unterwegs. Ich habe versucht, so viele Eindrücke wie möglich einzufangen, von einem Ereignis, welches ich zuvor nicht erwartet hätte, dass es so enden würde – und euch, den Lesern, zu zeigen. Lange habe ich überlegt, wie soll ich nun im Nachgang den Bericht schreiben. Alle Fotogalerien mit jeweiligen Beiträgen? Nein! Ich habe mir überlegt, ich schreibe euch hier nun auf, wie ich diese schlimmen Stunden dieses Jahrhundert-Hochwassers erlebt habe. Ich hole euch mit auf meine Pressereise:

Warnungen verbreitet

Ich habe im Vorfeld hier die entsprechenden Warnungen veröffentlicht. Einen Tag zuvor, am 13. Juli, wurde ich 33 Jahre und wollte eigentlich draußen im Garten feiern. Doch der starke Regen machte mir einen Strich durch die Rechnung. Schließlich wurde drinnen gefeiert. Und bei fast allen Gästen war das Wetter ein beherrschendes Thema. Und ich sagte: Leute, das war noch nicht alles, morgen wird es richtig rund gehen. Aber hierbei ahnte ich nicht, was wirklich kommen würde. Ich war auf jeden fall froh, dass ich am Dienstag noch nicht raus musste.

Erste Überflutungen im Bereich Prüm

Dann kam der Mittwoch. In meinem Wohnort im Hochwald blieb es lange Zeit trocken. Auf dem Radar sah ich, wie es in der Eifel immer nasser wurde. Als ich dann von ersten Usermeldungen las, dass im Bereich Prüm die ersten Straßen überflutet wurden, beschloss ich um 13 Uhr loszufahren. Mit dabei: meine Kamera mit drei vollen Akkus, meine voll geladene Drohne, dreifache Wechselkleidung, drei Handtücher und zwei Jacken. Dazu meine Gummistiefel und meine lange Wathose. Kaum auf der A 1 angekommen, fing es auch im Hochwald an zu schütten. Im Bereich Wittlich nahm ich einen Kollegen an der A 60 mit ins Auto auf und wir fuhren in Richtung Bitburg. Bereits an der A 60 bei Badem schossen Wassermassen auf die Autobahn, welche kurze Zeit später auch gesperrt wurde. Bei Bitburg-Erdorf haben wir dann das erste mal gefilmt. Hier stand die Feuerwehr an der Bundesstraße, über welche Wasser floss und warnte die Autofahrer:innen. Ich scherzte mit einer Feuerwehrfrau noch: Ich denke das war noch nicht alles…

Überflutung an der „Nims“

Wir fuhren auch weiter Richtung der „Prüm“. Hier war aber alles noch im Grünen Bereich. Keine Feuerwehr zu sehen, keine Sandsäcke – nichts. Nach einem kurzen Telefonat mit dem BKI, wo es denn brenzlig ist, sind wir zur „Nims“ gefahren. Hier war die Feuerwehr bereits im Dauereinsatz. In Lasel blieben wir erst einmal und waren erstaunt, wie schnell das Wasser sich seinen Weg suchte. Mit Sandsäcken wurden Keller und Garagen verriegelt. Wo auf dem Hinweg Richtung Lasel die „Nims“ noch relativ ruhig war, waren wir erschrocken, wie schnell und breit sie auf dem Rückweg Richtung Bitburg schon war. Zwischenzeitlich habe ich meinen Kollegen wieder abgesetzt und fuhr nach Hetzerath. Und ab hier begannen die richtigen Filmeinsätze.

Wasser stand bis zur Hüfte

In Hetzerath hatte sich ausgehend vom „Roßgraben“ eine Flutwelle den Weg durch die gesamte Ortsmitte in Richtung des dortigen Norma gesucht. Hier kamen dann die Wassermassen des „Kasselbach“ zusammen. Teilweise stand dass Wasser bis zur Hüfte tief und man hatte Mühe mit der Wathose durchzukommen. Die Feuerwehr sperrte das gesamte Dorf ab und viele Menschen kamen an die Absperrungen und Wassergrenzen und staunten über die Flutwelle. Einen Ort weiter: gleiches Bild. Wasser ohne Ende, das sich den Weg durch die Orte suchte. Mindestens genauso schlimm sah es in Dreis aus, was ich auch angefahren hatte. Für mich ging es weiter in Richtung Dudeldorf. Ich kannte den Ort genau, aus der letzten Flut von 2018. Und dort angekommen, kam ich aus dem entsetzlichen Staunen nicht mehr heraus. Wieder Dudeldorf, wieder die gleichen Straßenabschnitte und wieder die gleichen Häuser. Dieses Mal mit einem Unterschied: Die Menschen waren vorbereitet und hatten alles dicht gemacht. Doch die Kraft war ungeheuerlich stark und der Geräuschpegel enorm laut.

Es ging weiter zum Katastrophenschutzzentrum in Bitburg. Dort hörte ich ich nach, wie die Lage sei und trocknete mich ein wenig ab. Denn ich war puddelnass durch und durch. Frisch gestärkt ging es zur „Prüm“ nach Wißmannsdorf. Wo es zuvor ruhig war, war nun Hochbetrieb. Zahlreiche Helfer:innen stapelten Sandsäcke, bauten Barrieren mit Bretter. Die Menschen wollten einfach nur schützen. Ich sprach mit einem Anwohner und sagte zu ihm: Das wird hier alles glaube ich nichts nützen, es wird schlimmer als 2018, wenn ich auf den Pegel schaue.

Brenzlige Lage in Kordel und Ehrang

Um Mitternacht (Donnerstag) wurde die Schleuse am Biersdorfer See geöffnet. 200.000 Kubik Wasser in der Sekunde schossen ins Tal. Ich war zwischenzeitlich unterwegs Richtung Kordel, da mir dort erstmalig eine brisante Lage gemeldet wurde. Aber auf der Anfahrt brach ich ab, da viele Straßen einfach überflutet waren und man nicht durch kam. So war ich um 00:30 Uhr wieder in Wißmannsdorf und es kam genau, wie ich es vermutet hatte. Die schwere Vorarbeit der Feuerwehr und Helfer brachte am Ende nichts… Alles wurde von einer gewaltigen Flutwelle niedergerissen. Häuser liefen voll. Ganze Bäume wurden mitgerissen und große Siloballen wurden zur Brücke geschwemmt. Ich schüttelte  nur noch fassungslos den Kopf. Zwischenzeitlich wurde die Notlage für den Eifelkreis Bitburg-Prüm ausgerufen. Zuvor auch für den Vulkaneifelkreis.

Es ging nun über die Bundesstraßen in Richtung Kordel. Als ich durch Trier-Ehrang fuhr, kam gerade die Berufsfeuerwehr in der Friedhofstraße an, da sich Wasser durch das erste Haus auf die Straße drückte. Hier dachte ich noch, „hoffentlich komme ich noch zurück.“ Denn ich wusste, dass alle anderen Zufahrtswege nach Kordel unpassierbar waren. Ich kam in Kordel an und sah viel Blaulicht unmittelbar am Ortseingang und dachte, „warum denn schon hier?“ Hier bekam ich, ohne zu lügen, Gänsehaut. Alles war überflutet. Was ist das? Wo kommt das Wasser her? Hier sollte doch evakuiert werden.
Ich sah ratlose Einsatzkräfte, die mit nur wenigen zur Verfügung stehenden Sandsäcken versuchten, eine Mauer zu bauen. In 20 Minuten wurden 50 Meter Straße verloren. In einer ungeheuerlichen Geschwindigkeit suchte sich das Wasser den Weg. Für mich gab es zwei Optionen: Entweder ich warte bis die Boote kommen, um meine Bilder zu bekommen oder ich setzte mich nun schnell ins Auto und fahre wieder zurück. Eine Art Wettlauf mit der Zeit auch für die Rettungskräfte. Da ich nicht eingeschlossen werden wollte, fuhr ich schnellstmöglich wieder zurück. Denn auch in Ehrang wurde es kritischer. So konnte ich in Kordel nicht viel ausrichten, es blieb nur ein Staunen zurück. Für mich stand fest: Kordel ist nun von der Außenwelt abgeschnitten.

Lage in Irrel

Für mich ging es zurück nach Bitburg ins Lagezentrum, wo ich kurz Pause machte, die neuste Lage einholte, bevor es weiter Richtung Irrel ging. Ich wusste durch den Pressesprecher Südeifel, dass Irrel vier Stunden nach Dammöffnung getroffen wird. Doch auch hier war der Weg dorthin, nachts um 3 Uhr, eine Tortur. Überall waren die Straßen überschwemmt oder mit Geröll überdeckt. Ich fuhr diverse Strecken und musste immer wieder kurz vor Irrel kapitulieren. Es ging die gefahrenen Wege wieder zurück und weiter auf einen neuen Weg. Irgendwann schaffte ich es über „Pontius nach Pilatus“ und kam in Irrel an.

In Irrel Hauptstraße gibt es wohl derzeit eine Baustelle. Die war durch die Wassermassen der „Prüm“ kaum mehr zu erkennen. Das Wasser drückte sich auch hier in unwahrscheinlich schneller Geschwindigkeit in die Straßen und stieg und stieg. Während ich in den Fluten mit der Wathose filmte, rückten Strömungsretter aus Luxemburg mit einem Boot an. Inmitten der Baustelle, bei etwa 2 Meter hohem Wasserstand, musste ein älteres Paar aus dem Haus gerettet werden. Mit der Kamera hielt ich die spannende und erfolgreiche Rettung fest.

Schließlich fuhr ich über die B 257 zur anderen Seite von Irrel. Der Ort zu diesem Zeitpunkt zweigeteilt. Es wurde langsam heller. In der Karthausstraße filmte ich die steigenden Wassermassen. Man konnte das Wasser förmlich wandern sehen. Immer mehr Gärten und Häuser liefen voll. Als es hell genug war, stieg ich das erste mal mit der Drohne auf. Anwohner staunten nicht schlecht und schauten mir über die Schulter auf die Kamera. Und Entsetzen machte sich breit. Von oben sah man die gewaltigen Ausmaße der Überflutungen. Der halbe Ort stand unter Wasser. Während des Filmens verschwand schließlich die Brücke im Ort unter den Wassermassen. Eine kurze, entsetzliche Ruhe war zu spüren unter den Anwohnern. „So was gab es noch nie…“ , war der meist gesprochene Satz. Von Irrel ging es für mich über Bitburg nach Waxweiler. In der Zentrale sagte man mir, dass in Kürze eine Rettung in Waxweiler mit einem Hubschrauber erfolgen wird.

Lage in Waxweiler

Also ging es über die A 60 nach Waxweiler. Dort hatten die Wassermassen ein Haus komplett bis ins Erdgeschoss umschlossen und fünf Menschen eingeschlossen. Aber das Wetter machte dem Hubschrauber zunächst eine Strich durch die Rechnung. Die Feuerwehr wartete 2,5 Stunden vergeblich nach dem geplanten Termin auf die Luftrettung. Unterdessen machte ich mir ein Bild von der Lage und kam erneut nicht mehr aus dem Staunen. Die Wucht hatte eine lange Holzbrücke für Fußgänger abgerissen und gegen Häuser an einer Brücke geschleudert. Was hier eine Kraft gewirkt haben muss. Ganzer Asphalt von der Straße und Pflasterbürgersteige wurden aufgerissen.

Und dann gab es den Schreckmoment der beiden Flut-Tage mit der Kamera: Zwei Feuerwehrleute wollten mit einem großen Traktor die immer noch Eingeschlossenen mit einem Frontlader retten. In der Schaufel stand ein Feuerwehrmann und eben der Fahrer. Sie fuhren durch die Wassermassen in die enorme Strömung. Der Traktor wurde zur Seite durch die Kraft des Wassers gedrückt und in Schräglage gegen ein Haus geschleudert. Hier kam der Atem ins Stocken! Der Mann im Frontlader war nicht mehr zu sehen, was ist mit ihm? Lebt er noch? Machtlos konnte man nur noch zusehen. Es gelang schließlich die beiden aus den Fluten über Fenster des Hauses zu retten. Das hätte sehr böse enden können… Am Nachmittag konnten die fünf Menschen schließlich mit den Hubschrauber gerettet werden.

Von Waxweiler ging es zurück nach Bitburg, um die neueste Lage zu erfahren. Das war der letzte Besuch im Lagezentrum. Hier gilt mein Dank, dass ich immer wieder uneingeschränkt kommen durfte. Es ging weiter mit der Kamera in Richtung Speicher. Denn zwischen Speicher und Röhl ist eine Brücke unter den Wassermassen eingestürzt. Auch hier kam mir der Gedanke, was hier für Kräfte wieder auf die Brücke eingewirkt haben müssen – gewaltig! Auf der anderen Straßenseite der eingestürzten Brücke waren mindestens 10 „Schaulustige“ am Absperrzaun. Von hier aus ging es wieder zurück auf die B 51 und weiter nach Kordel.

Kordel steht unter Wasser

Hier erwartete ich den Pressesprecher zum Ortsgespräch um die Lage zu erfahren. Ich war beim Einfahren des Ortes erstaunt. Einsatzkräfte mit unzähligen Fahrzeugen aus ganz Rheinland-Pfalz und dem Saarland säumten die Straßen bis zur Wassergrenze. Und hier gab es das Bild eines tief überfluteten Ortes. Gewaltig muss auch hier die Kraft die Wassers sein und vor allem die Tiefe. Bis zu 2 Meter hoch stand das Wasser. Zu hoch für die Spezialfahrzeuge der Bundeswehr. Sie sauften regelrecht ab und mussten im Wasser zurückgelassen werden. Mit zahlreichen Booten der DLRG, Feuerwehr und der Strömungsretter wurde hier die Evakuierung in stundenlanger Arbeit vollzogen. Auch hier war man sich einig: ein Jahrhundertereignis! Kordel steht im inneren Kern komplett unter Wasser, nichts geht mehr. Von hier aus führte mich der Weg zum letzten Ziel dieser Flutkatastrophe nach Trier-Ehrang.

Hunderte Helferinnen und Helfer im Einsatz

Doch nach Ehrang zu kommen, war ein nervenaufreibender Trip. Ab der Ehranger Brücke habe ich 1,5 Stunden gebraucht bis ich in Ehrang angekommen bin. Aufgrund der massiven Überschwemmung musste ich über Schweich fahren. Doch es ging nichts mehr ein unendlicher Stau. Doch irgendwann kam ich an und staunte nicht schlecht, was hier ein einen Kräfteeinsatz aufgefahren wurde. Hunderte Helfer:innen überall. Egal ob FFW, THW, Polizei oder Rettungsdienst. Eins sah man ganz klar: Jeder wusste was er zu tun hat, alles war sehr koordiniert.

Die Straßen waren voller Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten. Unzählige Busse standen auf der B 53 bereit zum Abtransport. Ich ging vor bis zur Wassergrenze, die in der Quinterstraße 88 war. Ich war erstaunt, mit welcher Geschwindigkeit das Wasser auch hier sich den Weg suchte. Schließlich kamen große Hublader zur Rettung angefahren. Ich dachte: „Wow, so große Maschinen. So tief sieht das gar nicht aus.“ Doch was ich dann zu sehen bekam, war einfach nur noch entsetzlich und unglaublich. Je tiefer wir ins Wohngebiet herein fuhren, desto tiefer wurde der Wasserstand. 1m – 2m – 3m, unglaublich! Man sah von den Autos nur noch das Dach. Gärten, Untergeschosse waren komplett verschwunden. Sowas habe ich noch nie gesehen.
Es war gewaltig und beängstigend, wie machtlos man ist.

Gedanken kommen einem in den Kopf: Wie lange wird wohl das Wasser dort stehen? Wie sieht es aus, wenn alles weg ist? Wie enorm werden die Schäden sein? Wer es nicht gesehen hat, kann sowas einfach nicht glauben! Ein Krankenhaus und Seniorenheim mussten evakuiert werden. Und dann stehen sie da – leer – inmitten der Fluten.

Nach mehr als 27 Stunden kam ich endlich wieder zuhause an. Völlig erschöpft mit Eindrücken als Kameramann, die ich nie vergessen werden. Eine Jahrhundertflut im Jahre 2021, die so niemand erwartet hatte!!