Fußball-Weltmeisterschaft beginnt: Boykott oder im Fernsehen anschauen?

Heute ist es soweit, dann beginnt wie wohl umstrittenste Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten. Doch die Diskussionen gehen weiter: WM schauen oder nicht?
(c) dpa- Marijan Murat
(c) dpa- Marijan Murat

Die „Doppelmoral“ von Katar

 WM-Eröffnung amheutigen 20. November Fußballfans haben am Wochenende vor drei Wochen in den Bundesligastadien großflächig zum WM-Boykott aufrufen und angeprangert, dass bei den Bauarbeiten etliche tausend Menschen gestorben sind. Der Deutsche Fußballbund antwortete FIFA-Chef Giovanni Infantino, der aufgerufen hatte: „Konzentrieren wir uns jetzt bitte auf den Fußball“, mit einem Brief ohne Inhalt. Was zählt: Infantino will bei der teuersten WM aller Zeiten für seinen Verband den höchsten Gewinn aller Zeiten einfahren – geschätzt um die sieben Milliarden US-Dollar. Unterdessen wetterte der katarische Außenminister im FAZ-Interview über deutsche „Doppelmoral“ und „Fehlinformationen“ durch Regierungsmitglieder, was besagt: Das Geschäft findet statt, bei Gas wie im TV.

Fußball: 2. Bundesliga, Fortuna Düsseldorf – 1. FC Nürnberg, 12. Spieltag, in der Merkur Spiel-Arena. Die Düsseldorfer Fans zeigen ein Transparent mit der Aufschrift „Boycott Qatar 2022“. Foto: dpa-Roland Weihrauch

Hier sind wir auch beim Thema. Ein Fußballexperte sprach gestern im SWR 1 über dieses Thema.  An dieser „Doppelmoral“ ist etwas dran, sagt er. Wenn es um die Fußball-WM derzeit geht, sehen alle nur das Negative, was dort in den Jahren bis zur jetzigen Weltmeisterschaft passierte. Da gibt es auch in der Tat, nichts schön zu reden.

Aber was ist mit den starken Geschäften, die zwischen Deutschland, der EU und Katar gemacht werden – und das vor allem jetzt in der Energiekrise? Dazu wird geschwiegen. Da sind wir wieder bei der „Doppelmoral“. Ein Boykott der Spiele bringe nichts. Jetzt erst recht: Fernsehen einschalten und die Spiele schauen, und so der FIFA zeigen, beim nächsten muss das anders laufen und so etwas darf es nicht mehr geben, so das Statement des Experten.

Fernsehboykott wird nichts mehr bewirken

Ein Fernsehboykott der umstrittenen Fußball-Weltmeisterschaft in Katar ist aus Sicht von Bundesinnenministerin Nancy Faeser und DFB-Präsident Bernd Neuendorf nicht dazu geeignet, Veränderungen im Gastgeberland anzustoßen. Die Entscheidung, Spiele im Fernsehen zu verfolgen, wollten sie jedem selbst überlassen, erklärten beide in einem gemeinsamen Interview der „Welt am Sonntag“. „Ein Fernsehboykott bewirkt überhaupt nichts“, sagte Faeser (SPD) und fragte: „Ist die Fußball-Weltmeisterschaft für viele Menschen vor dem Fernseher nicht etwas, was sie auch genießen wollen?“

Die auch für den Sport zuständige Innenministerin und Neuendorf hatten vor kurzem Katar besucht, Faeser kündigte danach an, zum ersten deutschen WM-Spiel am 23. November gegen Japan zu reisen. „Der Premierminister hat mir zugesichert, dass alle Menschen bei dieser WM sicher sind“, sagte Faeser und bezeichnete diese Garantie als wichtigsten Punkt des Besuchs. Nach ihrer Reise habe sie den Eindruck, dass die maßgeblichen Kräfte im Land den Reformprozess voranbringen wollten.

Allein der Besuch in Katar mit Gesprächen auf sportpolitischer und Regierungsebene habe gezeigt, dass es die richtige Entscheidung gewesen sei, erklärte Neuendorf: „Nur so kann man auf Veränderungen hinwirken.“ Zu einem TV-Boykott meinte der Chef des Deutschen Fußball-Bundes: Der Fußball entwickelt aber so einen Zauber, dass ich mir vorstellen kann, dass wir alle sagen: Jetzt freuen wir uns auf Deutschland gegen Brasilien. Hoffentlich kommt es dazu.“

Haben auch queere Menschen eine Chance?

Kommen wir aber nochmals auf die Sicherheit der WM in Katar zu sprechen. Sind wirklich alle Menschen dort sicher? Die abwertenden Äußerungen eines katarischen WM-Botschafters über Homosexuelle sind laut Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) „verstörend und dennoch keine Überraschung„. Der frühere katarische Fußball-Nationalspieler Khalid Salman hatte in einem Interview in der ZDF-Dokumentation „Geheimsache Katar“ Schwulsein als „geistigen Schaden“ bezeichnet.

Sie offenbaren weiterhin die homosexuellenfeindliche Grundhaltung des Regimes in Katar“, sagte Alfonso Pantisano am vergangenen Dienstag laut Erklärung des LSVD-Bundesvorstandes zu den Aussagen. „Wenn das Organisations-Komitee der FIFA-Fußballweltmeisterschaft queere Fans scheinbar willkommen heißen möchte und dann ein WM-Botschafter solch verstörende Bemerkung macht, beweist es die Bedrohung des Regimes gegenüber queeren Menschen.“

Sein Verband erwarte, dass die Bundesregierung diese Aussage ernst nehme. Man fordere die Regierung auf, konsequent alle diplomatischen Reisen während und zur WM in Katar abzusagen. Das Auswärtige Amt solle zudem eine explizite Reisewarnung „für alle Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans*, intergeschlechtliche und queere Menschen (LSBTIQ*)“ aussprechen, wird Pantisano zitiert. Der Verband forderte die Fans auf, die WM zu boykottieren.

Rückgängig kann sowieso nichts mehr gemacht werden

Thomas Hitzlsperger hält einen Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar jetzt nicht mehr für sinnvoll. „Die Stadien stehen, es ist alles hergerichtet und der Schaden, wie etwa die Todesopfer im Zusammenhang mit dem Bau der Stadien, nicht mehr zu reparieren“, sagte der 40 Jahre alte ehemalige Nationalspieler in einem Interview dem Portal „t-online.de“.  „Wir sind an einem Punkt, an dem wir weiter Missstände ansprechen und daran appellieren müssen, dass es so, wie die WM zustande gekommen ist, nicht geht.“

Ein Boykott sei keine konstruktive Lösung mehr, befand Hitzlsperger. „Wenn sich alle daran beteiligen würden: ok. Aber wenn sich Einzelne herausziehen würden, wäre das nicht zielführend. Damit wäre den Menschen, die massiven Schaden genommen haben, auch nicht mehr geholfen.“

Hitzlsperger war im Zusammenhang mit einer Dokumentation der ARD, für die er bei der WM als Experte arbeiten wird, in den Golfstaat gereist. „Ich war insgesamt fünf Tage in Doha und habe mit Menschen geredet, die dort leben. Es war ein kurzer Besuch, der mir einen guten Überblick darüber gegeben hat, wie das Alltagsleben aussieht“, erklärte Hitzlsperger. Ein privater Besuch des reichen Landes, das vor allem wegen seines Umgangs mit den Menschenrechten schwer in der Kritik steht, wäre für den ehemaligen Bundesliga-Profi und Vereins-Funktionär nicht infrage gekommen. Angst habe er aber nicht gehabt, sagte Hitzlsperger.

Er hatte nach seiner Profi-Karriere seine Homosexualität öffentlich gemacht. In Katar ist Homosexualität verboten. „Wenn wir bei den Rechten von Homosexuellen davon reden, dass sich beispielsweise zwei Männer in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung nicht zeigen dürfen, dürfen wir auch nicht unterschlagen, dass Mann und Frau das auch nicht dürfen“, sagte Hitzlsperger.

Personen gehen durch das Medienzentrum der Fußball-Weltmeisterschaft in Doha. Am 20.11.2022 beginnt mit dem Eröffnungsspiel die Fußball-WM 2022. Foto: dpa- Federico Gambarini

Der National-Elf die Daumen drücken

Zusammenfassend: Katar gilt als einer der umstrittensten Gastgeber in der WM-Geschichte. Dem Emirat werden unter anderem Verstöße gegen Menschenrechte, der Umgang mit ausländischen Arbeitern und mangelnde Frauenrechte vorgeworfen. Im Vorfeld der am 20. November beginnenden WM bemüht sich der Wüsten-Staat, ein anderes Bild zu vermitteln. Auch Fans aus der LGBTQ-Szene seien willkommen, hieß es offiziell. Wir sollten auf das Wesentliche schauen: Den Fußball! Und der National-Elf die Daumen drücken! 

Spiele der Deutschen Mannschaft:

  • Mittwoch, 23.11., um 14 Uhr (ARD) Deutschland : Japan
  • Sonntag, 27.11., um 20 Uhr (ZDF) Spanien : Deutschland
  • Donnerstag, 01.12., um 20 Uhr (ARD) Deutschland : Costa Rica


 

Deutsche Presse Agentur & Eigener Bericht