newstr.de-Exklusiv-Interview mit Prof. Dr. med. Tim Piepho, Chefarzt der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin im Brüderkrankenhaus Trier

newstr.de hat im Interview mit Prof. Dr. med. Tim Piepho, Chefarzt der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin im Brüderkrankenhaus Trier gesprochen. Unsere Themen waren die aktuelle Situation auf der Intensivstation und wie allgemein der Stand mit dem Corona-Virus in Trier und der Region ist.
1. Dr. med. Piepho, Tim_3697
1. Dr. med. Piepho, Tim_3697

Haben Sie diese Corona-Lage die wir jetzt haben, die 4. Welle so kommen sehen/ so erwartet?

Dass eine 4. Welle kommen wird, war zu erwarten. Allerdings haben wir die Hoffnung gehabt, dass sich viele im Sommer impfen lassen und es damit nicht zu einer Überlastung der Kliniken und Intensivstationen kommt.

Wie sind die Kapazitäten derzeit in der Region Trier, viel mehr im Brüderkrankenhaus?

Das Brüderkrankenhaus Trier hat zwei große Intensivbereiche, in denen jeweils auch Betten für Covid-Intensivpatienten vorgehalten werden. Die Belegung der Intensivbetten erfolgt mit Blick auf eine optimale Patientenversorgung. Mit aktuellem Stand behandeln wir 6 intensivpflichtige Covid-Patienten im BKT. In einem Stufenplan werden bei einem weiteren Anstieg der Zahlen weitere Betten vorgehalten. In der Region Trier, für die wir gemeinsam mit dem Mutterhaus Trier koordinierend zuständig sind, befinden sich ca. 20 Patienten auf den Intensivstationen. Die Entwicklungen an anderen Kliniken unseres Landes führt uns jedoch vor Augen, dass sich das auch schnell ändern kann.

Wie ist die Lage auf den Intensivstationen? (Coronapatienten)

Wir behandeln zur Zeit 6 Covid-Patienten auf Intensivstation und 17 auf Normalstation. In der Region Trier sind ca. 54 Patienten auf den Normalstationen.

Welche Menschen liegen auf den Intensivstationen? Altersrahmen/ geimpft oder ungeimpft?

Die meisten intensivpflichtigen Patienten in Rheinland-Pfalz und auch im Brüderkrankenhaus sind zwischen 60 und 69 Jahre alt. Von unseren 6 Intensivpatienten sind 4 mit vollständigem Impfschutz. Auf der Normalstation 15 mit Impfschutz von 17. Diese Zahlen muss man aber gut interpretieren: Oftmals haben die geimpften Patienten auf der Intensivstation eine schwere Vorerkrankung. Im Bereich der Normalstation versorgen wir viele Patienten, die mit einer anderen Erkrankung ins Krankenhaus gekommen sind UND nebenbefundlich Corona positiv getestet werden. Dabei zeigen sie keine Symptome einer COVID-typischen Lungenerkrankung.

Wie sehen Sie die nächsten Tage/ Wochen bis zum Frühjahr?

Wir rechnen mit steigenden Infektionszahlen. Wir haben hier in den Krankenhäusern schon wieder angefangen, Anpassungen und Umstrukturierungen vorzunehmen, um dann auch eine größere Anzahl von Patienten versorgen zu können. Die Kleeblattstruktur ist bereits aktiviert worden und wir werden in den kommenden Wochen die Verlegung von vielen Patienten erleben.

Fürchten Sie eine Situation, in der man entscheiden muss, wer beatmet werden kann/ darf?

Nein. Als Intensiv- und Notfallmediziner ist man gewöhnt, auch Entscheidungen mit großer Tragweite zu treffen. Wir hatten schon vor der Corona-Pandemie nicht zu viele Intensivbetten und haben gelernt zu priorisieren. Zudem haben wir ein gutes Netzwerk, um bei Überbelegungen anpassen zu können. Die Situation, dass tatsächlich in der Notaufnahme entschieden werden muss,  wer wird beatmet und wer nicht – sehe ich nicht. Dafür haben wir noch sehr viel Potential, was ausgeschöpft werden kann.

Wie geht es dem Personal? Was sagen Sie ihnen?

Natürlich war die Hoffnung, dass wir nicht in einen zweiten Corona-Winter geraten. Viele sind physisch und psychisch erschöpft und sehen auch keine Besserung in Hinblick auf die Pandemie-Lage. Und auch die private Situation mit Schulschließungen etc. macht die Situation des Einzelnen nicht leichter.  Wir optimieren unsere Rahmenbedingungen, bleiben im gemeinsamen Gespräch und versuchen den Spagat zwischen bestmöglicher Patientenversorgung und schützendem Personaleinsatz zu schaffen.

Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, dass es wieder besser wird?

Schaut man sich die Entwicklungen der letzten Wochen und die aktuellen Prognosen an, so kann nur ein Lockdown die aktuelle Situation verbessern. Alle andern Maßnahmen wie z.B. 2G werden nicht ausreichend greifen.

Ein Arztkollege aus Waldrach sagt, dass die Ärzte diejenigen sind, die das was die Politik nicht auf die Reihe bekommt, ausbüßen muss. Stimmen Sie zu?

Natürlich sind wir unmittelbar von Entscheidungen betroffen. Die Pflegekräfte und die Mediziner baden am Ende aber auch aus, dass sich viele nicht impfen lassen haben. Ob dies einzig der Politik anzulasten ist, bezweifle ich. Allerdings haben uns politische Entscheidungen wie z.B. das Schließen der Impfzentren in der 4. Welle geschadet.

Was sagen Sie den Ungeimpften?

Die Impfung ist weiterhin der einzige Weg aus der Pandemie. Ich kann nicht nachvollziehen, dass es so viele Menschen gibt, die in der aktuellen Situation einer Impfung kritisch gegenüber stehen. Wer hier das Argument aufführt, dass es keine Langzeitstudien gibt, der hat nicht verstanden wie Medizin, Wissenschaft und Solidarität funktioniert.