Zwischen Charakterwachstum und School-Life-Balance

Viel zu schnell vergeht die Zeit, in der aus einem Neugeborenen ein Teenager wird. Obwohl sich die meisten Eltern darauf freuen, dass ihr Kind mit zunehmendem Alter immer selbstständiger wird, beginnen die richtigen Probleme oft erst im Teenageralter.
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Dann ist es wichtig, die kreativen Fähigkeiten der Kinder auf besondere Weise zu fördern. So hat der Nachwuchs ein Ventil für den Alltagsstress und eine Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken.
Nicht nur für musisch veranlagte Kinder ist es sinnvoll, ein Instrument zu spielen. Im Kindergarten macht es bereits den Jüngsten Spaß, die Triangel zum Klingen zu bringen oder ein Lied auf dem Xylophon zu klimpern. Im Musikunterricht der Grundschule kommt die Blockflöte hinzu. Beim musikalischen Frühunterricht kommt es jedoch nicht darauf an, ein Instrument perfekt zu beherrschen oder verschiedene Spieltechniken zu perfektionieren, sondern eher darum, sich auszudrücken. Auch die gemeinschaftliche Erfahrung ist sehr wertvoll.

Nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsen – seelische Zerrissenheit in der Pubertät

Jeder wird in der Kindheit von den Eltern geprägt. Ihre Ansichten über die Welt, die Menschen und das Leben gehen zu einem großen Teil auf das Kind über, das damit seine Persönlichkeit erhält. Werden Kinder positiv bestätigt und machen sie die Erfahrung, dass sich jede Situation meistern lässt, entwickeln sie eine lebensbejahende Einstellung. Wo das nicht geschieht, findet sich der Nachwuchs in Problemsituationen vielleicht nicht so gut zurecht.
Diese Prägung kann im späteren Leben dafür sorgen, ob man beispielsweise erfolgreich ist oder sich als Opfer der Umstände empfindet. Sie ist auch ausschlaggebend, wenn es um das Durchhaltevermögen geht, das beim Erlernen eines Instruments aufgebracht werden muss.
In der Pubertät erwacht die (unbewusste) Erkenntnis, dass man sein Leben als Jugendlicher nach den Vorgaben anderer Menschen lebt. Obwohl man viele Dinge gerne anders machen würde. Eigene Wertvorstellungen erwachen, die sich vielleicht sogar nicht mit den Ansichten der eigenen Familie vereinen lassen. So können Kinder im Laufe der Pubertät beispielsweise gänzlich unterschiedliche berufliche Vorstellungen entwickeln oder auch ganz generell den Wunsch, das eigene Leben einfach anders zu führen, als es die eigenen Eltern vorleben. Was bis dahin Vorbildwirkung hatte, wird aussortiert. Damit sind Unstimmigkeiten in der Familie vorprogrammiert.
Hinzu kommt der schulische Druck. Besonders sensible Kinder müssen sich durch innere Mauern schützen, um im Schulalltag nicht psychisch zu zerbrechen. Leistungsdruck und die Unfähigkeit, zwischen Kindern unterschiedlicher Herkunft ein harmonisches Miteinander zu kreieren, sorgen dafür, dass sich Pubertierende häufig in ihrer inneren Welt bewegen.
Dort sind sie geschützt und können sich Situationen in der Art ausmalen, wie es ihnen richtig erscheint. Die Regeln der Erwachsenen gelten hier nicht, sodass die Psyche ein Stückchen Freiraum erleben kann.

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Introvertiert oder extrovertiert durch die Pubertät

Die Zeit der Pubertät ist in besonderem Maße von Musik geprägt. Sie zeigt nicht nur musikalische Tendenzen, sondern macht möglicherweise auch hörbar, wie es den Kindern innerlich geht. Aggressive Musik kann darauf hindeuten, dass die eigene Sicht auch auf grenzüberschreitende Weise durchgesetzt werden will. Der Betreffende versucht vielleicht, sich seinen Platz in der Gesellschaft per Ellenbogenkraft zu erkämpfen.
Die Situation verdreht sich möglicherweise ins Gegenteil, wenn es sich um introvertierte Jugendliche handelt. Ihnen ist Gewaltanwendung fremd, daher werden sie seltener lautstark auftreten, sondern eher in der zweiten Reihe bleiben. Oft wird ihnen mangelndes Selbstvertrauen zugeschrieben, doch dem ist nicht so. Ein natürlicher Instinkt lässt diese Menschen zurücktreten und abwarten. Sie selbst empfinden diese Momente als angstbesetzt und wären am liebsten unsichtbar.
An dieser Stelle gilt es zu verstehen, dass sich niemand seinen Platz in der Gesellschaft „nehmen“ kann. Es geht vielmehr darum, die eigenen Talente und Stärken zu finden und diese positiv für sich nutzen. Dadurch findet man seinen Platz in der Welt ganz automatisch, ohne die Grenzen anderer Menschen zu übertreten. Der eigene Charakter fügt sich fließend in den Lauf des Lebens ein. Man hat seinen Platz gefunden, ohne ihn zu suchen. Die eigenen Fähigkeiten bringen einen an den richtigen Platz, so wie auch jedes Puzzleteilchen seinen vorgeschriebenen Platz einnehmen muss, damit das Bild vollkommen sichtbar wird.

Sich selbst wahrnehmen – Selbstwertgefühl

Sport oder Musik helfen jugendlichen dabei, sich auszudrücken. Diese Art des Ventils kann besonders in der Pubertät sehr hilfreich sein. Trotzdem werden regelmäßig Momente auftreten, in denen geregelte Tagesabläufe und Übungszeiten Anlass zu Diskussionen bieten.
Wenn Eltern die Nerven mit liebevoller Geduld auf das Training oder die Klavierstunde bestehen, helfen sie ihren Kindern durch eine schwierige Zeit. Denn das Ausleben der eigenen musikalischen Kreativität hat auch psychologische Aspekte:
Wer nach Reizen in der Außenwelt sucht, macht sich von dieser abhängig. Wer hingegen in sich selbst eintaucht, fördert die eigene Kreativität zutage. Die Erfahrung, Ideen, Fähigkeiten und Lösungen selbst zu finden, ist identisch mit einem erwachenden Selbstbewusstsein. Wirkliches Selbstbewusstsein ist frei von der Meinung anderer Menschen. Es sagt einem, was man tun und lassen sollte und hat dabei das Wohl aller Beteiligten im Sinn.
Die Leistungsgesellschaft bringt hingegen Menschen hervor, die sich vordergründig um sich selbst kümmern. Meist geschieht das auf Kosten anderer und das bringt Abhängigkeiten hervor. Soll sich das eigene Selbstwertgefühl entwickeln, geschieht das nicht auf diesem Weg. Charaktere dieser Art setzen zwar ihre Interessen durch, aber nur, wenn es Menschen gibt, die das mit sich machen lassen.
Musik kann maßgeblich dazu beitragen, das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein zu stärken. Auch dahingehend, dass sie hilft, vermeintliche Schwächen zu überwinden.
Zum Beispiel gibt es viele berühmte Sänger wie Gareth Gates oder Ed Sheeran, die ihr Stottern dank der Musik ablegen konnten. Es handelt sich dabei um eine Sprechbehinderung, die weit verbreitet ist, aber immer noch missverstanden und stigmatisiert wird. So sind psychische Probleme nicht die Ursache des Stotterns, wie viele glauben, sondern die Folge daraus. Genauso sagt die Sprechbehinderung nichts über die Intelligenz der betroffenen Person aus.

Ohne Zwang und ohne elterliche Interessen

Echtes Selbstbewusstsein erlebt ein Kind, wenn es sich erstmals auf den Bauch dreht oder mit dem Laufen beginnt. Es hat etwas aus eigener Kraft geschafft und ahnt, dass da noch viel mehr möglich ist. Das Lernen eines Instruments bewirkt dieselbe Erfahrung. In zunehmendem Maße werden das Instrument und das Musikstück beherrscht, was die eigenen Fähigkeiten wahrnehmen lässt.
Oft stört Jugendliche die Routine, die das Üben mit sich bringt. Hier kommt es auf den Charakter des Jugendlichen an und was die Eltern vermitteln. Wird Druck gemacht, damit das Kind die eigenen Pläne lebt, die man selbst nicht verwirklichen konnte, kommt Frust auf. Was als kreativer Ausdruck voller Leidenschaft und Freude gedacht war, verkommt zu einem inneren Kampf. Hier entsteht kein Selbstvertrauen und keine Liebe zu den eigenen Fähigkeiten.
Eltern sollten genau hinterfragen, ob Musik und das Spielen eines Instruments der Wunsch des Kindes sind. Dann lassen sich Durststrecken leicht überwinden, indem an die Fähigkeiten und Möglichkeiten des Kindes appelliert wird. Aber nicht als Zwang oder mit einer Gesprächsführung, die Schuldgefühle aufkommen lässt. Meist ist zu spüren, wenn Kinder eine gerechtfertigte Pause brauchen. Interessen können sich ändern und andere Bedürfnisse wollen zuerst erfüllt werden. Hier sind etwas Flexibilität und Einfühlungsvermögen gefragt.

Mit Musik in die innere Welt eintauchen

Das eigene Selbstbewusstsein freizusetzen, erfordert den Kontakt zum Inneren. Äußere Aktivitäten treten daher in den Hintergrund, wenn es um die psychische Weiterentwicklung geht. Im Kontext der Musik kommt der Mensch mit sich selbst in Berührung. Er erlebt durch den Klang, wie Ängste und Freude entstehen oder wie sich die eigenen Empfindungen musikalisch ausdrücken lassen.
Speziell in der Pubertät sollten Jugendliche den Freiraum bekommen, eigene Entscheidungen treffen zu dürfen, wenn es um die Freizeit geht. Damit ist gemeint, dass ein Instrument nicht unter Zwang gespielt werden sollte. Steht eine Pause an, weil es den ersten Freund oder die erste Freundin gibt, sollte das respektiert werden. Für eine kurze Zeit wird versucht, das Selbstbewusstsein auch im Außen zu finden. Dass das nicht funktioniert, lernen die meisten Kinder sehr schnell und kommen zurück an den Ort, an dem sie als der Mensch, der sie sind, geliebt werden.