Die Verkehrswende: Warum sie nötig ist und welches Mammutprojekt sie darstellt

Von den 1950ern bis weit in die 1980er war die "autogerechte Stadt" das Maß aller Dinge von Stadtplanern und Architekten. Die Folgen davon sind bis heute spürbar.
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Zwar haben die meisten Städte mit der Einrichtung von Fußgängerzonen und Fahrradwegen die Situation nach Kräften entschärft. Dennoch sind verkehrsbedingter Lärm, Abgase, Feinstaub und hohe Unfallgefahren in den Städten allgegenwärtig. Das Schlagwort der Stunde heißt deshalb „Verkehrswende“. Sie soll die benannten Probleme lösen und die Städte nachhaltiger und lebensgerechter machen. Doch gut gewollt ist noch lange nicht gut gemacht. Schlecht definierte Herausforderungen treffen bei diesem Projekt allzu häufig auf nicht ausgereifte Lösungsvorschläge.

Warum Verkehrswende?

Für den Umbau des Nah- und Individualverkehrs stehen folgende vier Motivationen im Vordergrund:

· Senkung der Umweltbelastung

· Senkung der Unfallgefahren

· Vermeidung von Staus

· Zugang zu günstigen Transportmitteln für alle.

Vom heute gebräuchlichen PKW mit Verbrennungsmotor gehen zahlreiche Umweltbelastungen aus. Sie produzieren klimaschädliches CO2, gesundheitsschädliche Stickoxide und Feinstaub und außerdem jede Menge Lärm. Außerdem ist das Betrieben eines privaten PKW im Grunde völlig unwirtschaftlich. Ein privat genutztes Fahrzeug steht 23 von 24 Stunden am Tag herum und beansprucht kostbare Grundfläche. Das führt zur fortschreitenden Versiegelung des Bodens und zu einer Verteuerung von Immobilien. Schließlich bleibt der Straßenverkehr ein hohes Unfallrisiko für alle Verkehrsteilnehmer.

Traditionelle Konzepte und woran sie scheitern

Die bis heute vorgeschlagenen Konzepte klingen seit Jahren ähnlich. Weg vom Individualverkehr und hin zum besser ausgebauten ÖPNV – das soll die Lösung für die Verkehrswende sein. Die Idee ist, dass die Menschen mit der Nahverkehrsbahn oder mit dem Bus in die Stadt fahren und dort auf ein anderes Verkehrsmittel umsteigen. Stadtfahrräder, City-Mobile und E-Roller sind heute schon verfügbar. Die ambitioniert gestarteten Projekte kranken aber schnell an Details. Das ist vor allem an den überall herumliegenden Rollern und Mietfahrrädern gut erkennbar. Die teuer angeschafften Fahrzeuge für die letzte Meile liegen auf Geh- und Radwegen oder landen gleich im nächsten Kanal. Auch der Nachhaltigkeitsfaktor ist speziell bei E-Scootern durch die Massenproduktion zumindest zu hinterfragen.  Es bleibt deshalb eine psychologische Herausforderung, einen gemieteten Gegenstand mit der gleichen Sorgfalt zu behandeln wie sein Eigentum.

Schließlich sind E-Roller und Citybikes nur begrenzt nutzbar. Weder können gehbehinderte Menschen auf diese Lösungen zugreifen, noch sind sie allwettertauglich. Lediglich das vollwertige City-Mobil kann hier als Ansatz dienen. Doch für diese sind wieder Parkraum, Führerscheine und eine Miet-Infrastruktur erforderlich.
Letzten Endes bleibt das eigene Auto ist insbesondere in Deutschland für viele Mitmenschen nicht wegzudenken. Die Verkehrswende ist deshalb vor allem eine gesamtgesellschaftliche bzw. volkspsychologische Herausforderung. Das Auto ist nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Statussymbol, Ausdruck eigener Individualität und eine Erweiterung des eigenen Lebensraums. Das aus den Köpfen herauszubekommen ist die eigentliche Herausforderung.

Rettung E-Mobilität?

Während alle noch von der Verkehrswende sprechen, setzt der derzeit stattfindende Technologiewandel bereits Fakten. Mit dem Wechsel vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb werden vier der benannten Probleme bereits eliminiert. Elektroautos fahren emissionsfrei. Das bedeutet, dass sie keinen Feinstaub, keine Stickoxide und kein Kohlendioxid produzieren. Außerdem sind E-Mobile sehr leise. Der Faktor „Lärm“ entfällt bei der Umweltbelastung damit ebenfalls. Hinzu kommt, dass diese modernen Fahrzeuge über eine Vielzahl von aktiven Sicherheitsfeatures verfügen. Notbrems-Assistenten, Erkennung von Fußgängern und anderen Verkehrsteilnehmern ist bei vielen E-Mobilen serienmäßiger Standard.

Schließlich ist auch das Thema „autonomes Fahren“ in dieser Technologie schon sehr weit entwickelt. Das weckt die Hoffnung, die Zahl der Verkehrsunfälle auf ein absolutes Minimum zu senken. Am Problem der Staubildung und des enormen Platzbedarfes ändern die E-Mobile jedoch nichts. Auch eine Überzahl selbst fahrender Individualmobile verursacht entweder Verkehrstaus oder macht breite Straßen erforderlich. Diese versiegeln wieder den Boden und kosten teure Fläche, die für Wohnen, Geschäfte und Büroraum genutzt werden könnte.

Science-Fiction Konzepte bleiben, was sie sind

Die „Visionäre“ von heute denken das E-Mobil bereits in die dritte Dimension. Anstatt elektrisch angetriebene, autonome Fahrzeuge zu verwenden, sollen es Mini-Hubschrauber richten. Damit werden Staus vermieden und wertvolle Fläche zurückgewonnen. Das klingt schön und fantastisch. Aber man stelle sich das bitte einmal plakativ vor: Statt Tausender E-Mobile flattern ebenso viele bemannte Drohnen in den Städten herum. Die Insassen sind auf Gedeih und Verderb der Soft- und Hardware des Flugmobils ausgeliefert – und das bis in -zig Metern Höhe. Wer schon Probleme mit der Akzeptanz von autonomen Fahrzeugen hat, der wird mit Sicherheit in kein Flugzeug ohne Steuerungsmöglichkeiten einsteigen. So unschön dies für die Investoren der zahlreichen Start-Ups auch klingen mag – an die Zukunft der bemannten, automatisierten Elektrodrohne mag man realistischerweise nicht recht glauben.

Was bleibt, ist die Umerziehung

So unbequem die kalte Wahrheit auch ist, an ihr kommt man nicht vorbei, wenn man es mit der Verkehrswende ernst nehmen will. Das eigene Auto muss aus den Wunschvorstellungen verschwinden. Erst wenn jeder bereit ist, auf das persönlich besessene Fahrzeug zu verzichten, kann der Umbau des Individualverkehrs auch wirklich gelingen. Dass das möglich ist, dafür gibt es bereits Beispiele. Wir haben bereits das Rauchen aufgegeben. Ebenso haben wir enorme Fortschritte beim Abbau von systemischer Diskriminierung erreicht. Die Gleichstellung von Mann und Frau ist so weit entwickelt, dass man sich die gesellschaftlichen Umstände der 1970er heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann. Weshalb sollte es mit dem Auto anders sein? Das Angebot umweltschonender Transportalternativen zum Auto muss daher mit einer systematischen Image-Kampagne parallel verlaufen. Das bedeutet zwar nicht, dass jetzt auf jedes Fahrzeug Bilder von Verkehrstoten aufgedruckt werden sollten. Aber es gibt die Möglichkeit, intensiv über die wahren Kosten des derzeitigen Individualverkehrs zu informieren.

Wenn da nicht die Wirtschaft wäre…

Leider steht diesem Ziel ein enormes Hindernis entgegen. Der Wunsch nach dem eigenen Auto ist der zentrale Wirtschaftsmotor. Das gilt nicht nur für Deutschland und Europa, sondern praktisch für die ganze Welt. Bis auf wenige idealistische Ausnahmen ist der Traum vom eigenen Fahrzeug weltweit der Gleiche. Die Vorstellung, jederzeit einsteigen und zu jedem beliebigen Ziel fahren zu können, ist einfach zu attraktiv. Hinzu kommt, dass das Auto vor der unangenehmen Konfrontation mit unerwünschten Mitmenschen optimal schützt. Die gesicherte, eigene Kapsel hält die Zeitgenossen mit ihren Geräuschen, Gerüchen, Aufdringlichkeiten oder sogar Bedrohungen weitestgehend fern. Dieser Faktor wird bei den gegenwärtigen Plänen in der Verkehrswende noch vollständig ignoriert.
Aus diesem Idealbild eines Autos im Individualbesitz erwächst der enorme Hunger darauf. Das wiederum hält die riesige Jobmaschine, die am eigenen Fahrzeug hängt, am Leben. Hersteller, Montagebetriebe, Ausstatter, Reparaturwerkstätten, Tankstellen, Straßenbauer – die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Die Frage, wie die Verkehrswende diesen Jobmotor am Leben hält, muss noch beantwortet werden.

Fazit: Ein Gesamtkonzept statt Detaillösungen

So ambitioniert jeder neue Fahrradweg auch ist, er löst die Herausforderung der Verkehrswende nicht im Ganzen. Dieses gesamtgesellschaftliche, multi-disziplinäre Projekt braucht ein Gesamtkonzept, einen Fahrplan oder zumindest einen roten Faden, an dem sich jede Kommune orientieren kann. Dieses Konzept darf keine offenen Fragen ignorieren, sondern umfassend die Herausforderungen angehen – und das mit allen Konsequenzen, die es mit sich bringt. Natürlich spielt hierbei auch die staatliche Förderung eine wichtige Rolle für Städte und Kommunen.
Die große Gefahr liegt bei der Konzeption darin, dass die heute erdachten Lösungen morgen schon wieder veraltet sein können. Dazu genügen schon kleine technische Innovationen. So waren topographisch schlecht für den Radverkehr geeignete Städte bislang wenig geneigt, das eigene Radfahrnetz umfassend auszubauen. Mit dem Aufkommen und dem enormen Erfolg des E-Bikes könnten jetzt aber auch Kommunen wie Siegen, Wetzlar, Gießen, Marburg oder Wuppertal deutlich bessere Angebote für Radfahrer entwickeln. Die starken Steigungen, welche diese Städte bisher ausgezeichnet haben, fallen mit dem elektrischen Hilfsmotor als Hindernis weniger ins Gewicht. Letzten Endes ist mit dem E-Bike sogar eine gesetzliche Verpflichtung der Städte zum Ausbau des Radfahrnetzes möglich. Dann sollten aber die Länder ebenso in die Pflicht genommen werden. Heute ist es für Radfahrer eher Glückssache, ob die Verbindungswege zwischen den Städten als Radweg ausgebaut sind. Häufig genug müssen sich die Velofahrer die Überlandstraße mit den bis zu 100 km/h schnellen Autos teilen. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass es der Verkehrswende insgesamt noch an politischer Relevanz und damit Durchsetzungskraft fehlt. Es bleibt die Hoffnung, dass sich das bald ändert.