Schieflage auf dem Ausbildungsmarkt: Weniger Berufsausbildungsstellen, weniger Bewerber und viele unbesetzte Ausbildungsstellen

Corona bedingte Unsicherheit beim Berufswahlprozess hält an
Symbolbild
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Auch im zweiten Pandemiejahr sieht die Bilanz des regionalen Ausbildungsmarktes durchwachsen aus. Weniger Berufsausbildungsstellen und weniger Bewerberinnen und Bewerber sind zum Abschluss des Berufsberatungsjahrs Oktober 2020 bis September 2021 verzeichnet. „Nach wie vor herrscht in Folge der Corona-Pandemie Unsicherheit bei Jugendlichen und Eltern hinsichtlich der Berufswegeplanung. Da Orientierung durch Beratung, Messen oder Praktika immer noch nicht in Vorkrisenumfang möglich ist, dauern Berufswahlprozesse länger“, so Heribert Wilhelmi, vorsitzender Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Trier. „Und auch Ausbildungsbetriebe verhalten sich teilweise zögerlich, weil sie noch mit Ungewissheit in die Zukunft blicken“.

Zahlen in allen Bereichen gesunken 

Die Statistik zur Ausbildungsmarktbilanz für das Berufsberatungsjahr 2020/2021 weist aus, dass der Agentur für Arbeit Trier im Vergleich zum Vorjahr 9,8 Prozent (absolut 419) weniger Ausbildungsstellen gemeldet wurden. Von den 3.855 registrierten Lehrstellen blieben 739 unbesetzt. Das sind 142 oder 23,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch die Entwicklung bei den Bewerberinnen und Bewerbern war rückläufig. Mit 2.654 Ausbildungsinteressierten haben 3,9 Prozent weniger die Berufsberatung der Arbeitsagentur angesprochen als im Vorjahr. 179 der Ausbildungsplatzsuchenden blieben unversorgt, das sind immerhin 13,1 Prozent weniger als im Vorjahr.

Nicht nur Corona ist an allem Schuld 

„Der Rückgang sowohl der Ausbildungsplatzangebote als auch der Ausbildungsinteressierten kann jedoch nicht allein als Folge der Pandemie gewertet werden“, sagt Heribert Wilhelmi. „Schon länger zeichnen sich auch andere Entwicklungen ab, deren Auswirkungen sich vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Entwicklung in der Pandemie verschärfen.“ Wilhelmi nennt beispielsweise den demografischen Wandel, im Zuge dessen die Zahl an verfügbaren Ausbildungsinteressierten zurückgeht oder auch die Digitalisierung, die ganze Berufszweige und damit auch Ausbildungsprofile verändert. Dennoch bilanziert er: „Die betriebliche Ausbildung hat sich während der Krise als robuster erwiesen als erwartet. Die Ausbildungsbereitschaft der hiesigen Wirtschaft ist nach wie vor sehr hoch. Das Angebot an Ausbildungsstellen übersteigt weiterhin deutlich die Nachfrage.“

Rückgang der Zahlen in allen Branchen 

Für den statistisch verzeichneten Rückgang der gemeldeten Ausbildungsstellen sieht er besonders zwei Ursachen: „Vielen Unternehmen fällt es angesichts ihrer finanziellen Lage und der wirtschaftlichen Unsicherheit derzeit schwer, ihr bisheriges Ausbildungsengagement aufrechtzuerhalten. Insbesondere kleinere Betriebe wollen erst noch abwarten, wie sie sich nach Auslaufen des Kurzarbeitergeldes stabilisieren und sich erst dann zum Thema Ausbildung aufstellen. Zudem wird es bei abnehmender Quantität immer schwieriger, Bewerberinnen und Bewerber geeigneter Qualität zu finden“. Der Rückgang an gemeldeten Ausbildungsstellen zieht sich durch alle Branchen, nur in den Bereichen Öffentliche Verwaltung, Interessenvertretungen, Erziehung und Unterricht sowie Unternehmensverwaltung, Rechts-, Steuerberatung und Wirtschaftsprüfung gibt es ein Plus. In diesen Branchen blieben nur in der öffentlichen Verwaltung keine Ausbildungsstelle unbesetzt.

Gastronomie besonders betroffen 

Nach wie vor wirken sich die Folgen der Pandemie auf den Ausbildungsmarkt in der von Eindämmungsmaßnahmen besonders betroffenen Gastronomie-Branche aus. Dort haben die Betriebe ihr Ausbildungsengagement deutlich reduziert. In der Hotellerie waren 33,3 Prozent und in der Gastronomie 31,7 Prozent weniger Ausbildungsstellen gemeldet. Zwar stieg die Zahl der Ausbildungsinteressierten in der Gastronomie sogar um 77,8 Prozent an, dennoch blieben dort 40,6 Prozent der Stellen unbesetzt. In der Hotellerie war auch die Bewerberzahl zurückgegangen, dort blieben 47,1 Prozent der Lehrstellen unbesetzt.

Beratung und Vermittlung an oberster Stelle 

Der Anteil an unversorgten Bewerberinnen und Bewerbern ist im aktuellen Berichtsjahr wieder gesunken, 179 junge Menschen haben bis Ende September keine Ausbildungsstelle gefunden – 13,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Dennoch macht die Entwicklung der Agentur für Arbeit Sorgen, denn pro unversorgtem jungen Menschen weist die Statistik noch 4,13 unbesetzte Ausbildungsstellen aus. Die Diskrepanzen zeigen sich deutlich beim Blick auf die Top Ten-Berufe der unbesetzten Ausbildungsstellen und unversorgten Ausbildungssuchenden. So sind zum Beispiel noch 49 Ausbildungsangebote im Bereich der Kaufleute im Einzelhandel zu haben, doch auch noch 11 Bewerberinnen und Bewerber auf der Suche nach einer entsprechenden Lehrstelle. „Hier Vermittlung und Orientierung zu leisten, ist eine vorrangige Aufgabe“, sagt Heribert Wilhelmi. „Ihr stellen wir uns mit der Berufsberatung der Agentur für Arbeit, mit einer Vielzahl an neuen Informations-, Beratungs- und Unterstützungsangeboten, die zum Teil in Kooperation mit Netzwerkpartnern stattfinden.“ So sind die intensive Beratung von Jugendlichen, Eltern, Schulen und Ausbildungsbetrieben, auch im Video- oder digitalem Veranstaltungsformat ausgebaut worden. Online-Produkte und Services zur Ergänzung der Beratung wurden geschaffen. Die digitale Ausbildungsmesse FUTURE ging erneut an den Start. Nachvermittlungsaktionen wurden durchgeführt. Und die Umsetzung von Förderprodukten ist nun zentraler Bestandteil der Beratung von jungen Menschen und Ausbildungsbetrieben. In insgesamt 254 Fällen wurden die Ausbildungsprämie und die Ausbildungsprämie Plus nach dem Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ ausgezahlt.


Als neues Instrument gibt es die „Assistierte Ausbildung Flexibel (AsAFlex)“. „Damit bieten wir ein besonderes, weil individuelles und flexibles Förderprogramm an, das hilft, betriebliche Ausbildungsverhältnisse zu stabilisieren. Auszubildende erhalten genau die Unterstützung, die sie zu einem erfolgreichen Abschluss benötigen“, erklärt Heribert Wilhelmi. Abschließend ermutigt er junge Menschen, trotz Verunsicherung den Weg in den Berufseinstieg auch jetzt noch anzugehen: „Seien Sie mutig und nutzen Sie die Unterstützung der Berufsberatung. Denn gut ausgebildete Fachkräfte werden auch in Zukunft benötigt.“