Interview mit Landratskandidat in Trier-Saarburg: Tim Kohley

Am 26. September wird nicht nur der Bundestag gewählt, sondern auch die nächste Landrätin oder der Landrat für den Landkreis

Am 26. September wird nicht nur der Bundestag gewählt, sondern auch die nächste Landrätin oder der Landrat für den Landkreis Trier-Saarburg. Alle Kandidierenden haben Fragen der Redaktion beantwortet, die womöglich bei der Wahlentscheidung ausschlaggebend sein können. An jedem Abend wird eine Fragerunde online gehen – den Anfang macht Tim Kohley.

Stellen Sie sich kurz vor:

Ich bin 43 Jahre alt, lebe in einer Beziehung mit meiner Lebenspartnerin Virginia in der schönen Ortsgemeinde Mandern im Hochwald. Gemeinsam mit meiner Lebenspartnerin bieten wir insgesamt fünf Hunden und vier Pferden ein liebevolles Zuhause. Vier der Hunde und zwei Pferde stammen von verschiedenen Tierschutzorganisationen und hatten keine schöne Vergangenheit, haben aber bei uns eine gute Zukunft.

Beruflich bin ich seit 20 Jahren als Polizeibeamter am Polizeipräsidium Trier in verschiedenen Funktionen tätig und dort aktuell im Dienstrang eines Kriminalhauptkommissar im Kriminaldienst eingesetzt. Ich habe den Beruf des Polizisten gewählt, weil ich mich schon immer gerne für meine Mitmenschen und die Gesellschaft engagiert habe. Die langen Jahre im Polizeidienst und die damit verbunden Ereignisse haben meinen Charakter geformt und mich zu einem Menschen gemacht, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Mein Handeln, ob im Beruf, privat oder in meinen politischen Ämtern war und ist stets von Fairness und Menschlichkeit getragen. Das Festhalten an diesen Grundsätzen habe ich bisher nie bereut.

Seit 2009 engagiere ich mich in der Kommunalpolitik. Ich war zunächst von 2009 bis 2014 Ratsmitglied im Gemeinderat der Ortsgemeinde Mandern und dort auch in verschiedenen Ausschüssen tätig. 2014 wurde ich erstmalig zum ehrenamtlichen Ortsbürgermeister der Ortsgemeinde Mandern gewählt. Meine Wiederwahl erfolgte dann im Jahre 2019. Ein Wahlergebnis von 89,3 % war die Bestätigung für meine sehr bürgernahe Politik und mein Engagement für innovative, dörfliche Projekte. Ich habe mich stets für die Probleme der Menschen im Dorf interessiert und mich persönlich für die Menschen eingesetzt. Oft ging diese Tätigkeit – im Sinne der Sache – weit über die Zuständigkeit eines Ortsbürgermeisters hinaus.

Die Tätigkeit als Ortsbürgermeister sehe ich als eine gute Schule, um die Kommunalpolitik von der Pike auf zu lernen. Denn im Kleinen zeigt sich, ob man tatsächlich ein guter Kommunalpolitiker ist. Als Ortsbürgermeister muss man selbst für alles geradestehen, was im Dorf passiert, und man muss sein Handeln stets erklären und vertreten können.

Seit 2019 bin ich ehrenamtlicher Beigeordneter der Verbandsgemeinde Saarburg-Kell. Hier konnte ich – auch dank meines Verwaltungsdiploms und meiner langjährigen Erfahrung als Ortsbürgermeister – meine Kompetenzen in der Verwaltungsarbeit weiter optimieren. Ich bin dazu bereit und auch in der Lage, eine Verwaltung wie die Kreisverwaltung Trier-Saarburg zu führen.

Wo fühlen Sie sich in Ihrem Landkreis am wohlsten?

Unser Landkreis ist in allen Bereichen sehr unterschiedlich strukturiert. Er bietet vielfältige Natur- und Kulturräume. Der Landkreis Trier-Saarburg gehört für mich zu einer der schönsten Gegenden Deutschlands. Im Hochwald fühle ich mich zuhause, aber ich genieße gerne die schönen Momente überall in unserm Landkreis.

Für welche Werte steht Ihre Politik? Was zeichnet sie aus?

Oberstes Ziel meines politischen Handelns ist: Die Region und vor allem die Menschen, die hier leben, sollen bei allen Entscheidungen im Vordergrund stehen. Ich setze mich dafür ein, dass Politik für die Menschen wieder verständlich, transparent und nachvollziehbar wird. Politische Entscheidungen müssen von unten nach oben transportiert werden und nicht umgekehrt.

Leitthema meiner politischen Arbeit ist das Ziel, den Landkreis Trier-Saarburg zum familienfreundlichsten Landkreis in Rheinland-Pfalz zu machen. Unter dem Begriff der Familienfreundlichkeit kann man im Grunde alle Maßnahmen zusammenfassen, die den Kreis Trier-Saarburg zu einem lebens- und liebenswerten Landkreis machen.

Mir ist es dabei nicht genug, den gesetzlichen Vorgaben zu entsprechen. Mein Anspruch ist es, besser zu sein! Ich strebe eine bürgernahe Verwaltung an, die durch den Ausbau des Servicegedankens und der Weiterentwicklung des E-Governments, den Bürgern tatsächlich mehr Service bietet.

Wie beurteilen Sie die letzten Jahre bezüglich der Landes- und Kommunalpolitik? Was möchten Sie anders machen, was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Die Politik hat in den vergangenen Jahren an Glaubwürdigkeit verloren. Politik muss wieder näher am Menschen, für jeden verständlich und transparenter werden. Wir brauchen deshalb auch mehr Bürgerbeteiligung

Einen weiteren Schwerpunkt meiner zukünftigen Arbeit sehe ich in der Realisierung bezahlbaren Wohnraums und Wohneigentums in unserem Landkreis. Gerade junge Familien und Senioren sind hierauf dringend angewiesen.

Die regionalen Leistungsträger, Wirtschaftsunternehmen, Handwerksbetriebe, der inhabergeführte Einzelhandel sowie die Landwirte und Winzer unsrer Region können von mir ihre uneingeschränkte Unterstützung erwarten. Sie können sich sicher sein, ich kenne ihren Wert. Sie sind unser wirtschaftliches Aushängeschild und repräsentieren unsere Region mit ihrer guten Leistung und ihren Produkten. Nicht zuletzt ist der Ausbau der Beziehungen zu unseren Nachbarländern durch gemeinsame Projekte zur Weiterentwicklung des Kultur-, Urlaubs- und Wirtschaftsraumes ein großes Anliegen meinerseits.

Wie beurteilen Sie die Handlungen während und nach der Flutkatastrophe? Was hätten Sie anders gemacht und was wollen Sie anders machen?

Zunächst möchte ich an dieser Stelle ein großes Dankeschön an all diejenigen aussprechen, die entweder in einer der zahlreichen Organisationen oder privat alles gegeben haben, um den Betroffenen zu helfen.

 Die Flutkatastrophe hat unsere Region vor eine gewaltige Aufgabe gestellt und aufgezeigt, wo in der Vergangenheit die Hausaufgaben nur unzureichend gemacht wurden. In Sachen Hochwasserschutz muss deshalb dringend nachgearbeitet werden. Hier brauchen wir neue Konzepte und eine schnelle Umsetzung der Schutzmaßnahmen. Aus Gesprächen mit verantwortlichen Personen aus verschiedenen Organisationen ist mir bekannt, dass (es streichen) schon seit Jahren Ausstattungsdefizite bemängelt wurden. Insbesondere wurde die Fahrzeugsituation angesprochen, so mangelt es beispielsweise an ausreichend geländegängigen und wattfähigen Fahrtzeugen. Hier muss dringend nachgebessert werden.

Seit dem 1. September 2021 gibt es neue Fahrpläne und Buslinien im ÖPNV – Sehen Sie weiterhin Verbesserungsbedarf?

Durch eine Erweiterung des ÖPNV-Netzes wird auch den Menschen auf dem Land eine echte Alternative zum Auto geboten und man könnte damit gleichzeitig den Bemühungen beim Klimaschutz entgegenkommen. Ich sehe in Bezug auf den ÖPNV noch erheblichen Verbesserungsbedarf. Insbesondere die Anbindung der Dörfer unserer Region muss weiter ausgebaut werden. Der ÖPNV muss in jedem Fall kostengünstiger werden, um auch im ländlichen Bereich als attraktives Angebot angenommen zu werden. Die neuen Fahrpläne haben in einigen Bereichen Verbesserungen gebracht, in anderen Bereichen dafür aber wieder erhebliche Verschlechterungen. Kleine Dörfer sind oft nicht vernünftig angebunden. In diesem Zusammenhang kritisiere ich auch die Tatsache, dass wir es zwar mittlerweile schaffen, Touristen ins All zu befördern, aber offensichtlich nicht in der Lage sind, Schülern und Schülerinnen in den Bussen einen Sitzplatz anzubieten. Auch die Preise für den Schülertransport sind meiner Meinung nach zu hoch und müssen dringend reduziert werden. Hier wurden in der Vergangenheit offensichtlich andere Schwerpunkte gesetzt.

Bleiben wir beim Verkehr: Wie stehen Sie zur kontroversen Westumfahrung?

Ein großes Anliegen meiner Politik ist auch die Realisierung wichtiger Straßenbauprojekte wie der Westumfahrung und der Ortsumgehung Ayl. Dies trägt sicherlich zu einer merklichen Verkehrsentlastung und vor allem auch der Verbesserung der Luftwerte u.a. im Talkessel von Trier bei.

Wohnungen werden immer teurer – wie stehen Sie zu einem bezahlbaren Wohnraum?

Einen weiteren Schwerpunkt meiner zukünftigen Arbeit sehe ich in der Realisierung bezahlbaren Wohnraums und Wohneigentums in unserem Landkreis. Gerade junge Familien und Senioren sind hierauf dringend angewiesen.

Das Desaster explodierender Kosten für Wohnraum nimmt in der Regel bereits bei den hohen Grundstückskosten seinen leidigen Anfang. Deshalb brauchen wir dringend mehr bezahlbaren Wohnraum in unserem Landkreis, um diesen für alle Menschen attraktiv zu halten.

Um Wohnraum bezahlbar machen zu können, würde ich Kommunen dabei unterstützen, selbst als Eigentümer, beispielsweise in Form eines Zweckverbandes oder als Genossenschaft, zu agieren. Die Kommunen hätten dadurch über verschiedene Wohnförderprogramme und/oder zinsgünstige Kredite die Möglichkeit, Wohnraum günstig anzubieten. Auch eine kreiseigene Struktur zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum halte ich für sinnvoll. Ebenfalls würde ich eine Unterstützung gerader junger Familien durch die Schaffung neuer Fördertöpfe auf Bundes- und Landesebene unterstützen. Eine kreiseigene Förderkulisse wäre ebenfalls ein gutes Instrument, um hier entgegenzusteuern.

Eine Einflussnahme auf die gestiegenen Materialkosten sehe ich – mit Ausnahme beim Bauholz – derzeit als nicht realistisch an. Bei der Holzvermarktung sehe ich Chancen durch eine stärker regional geprägte Verarbeitung, um so eine schnellere Rückführung in den regionalen Markt zu gewährleisten.

Was sind die Pläne im Landkreis für flächendeckendes schnelles Internet? Was wurde in den letzten Jahren bereits umgesetzt?

Damit die Entwicklung unseres Kreises erfolgreich werden kann, ist der zügige Glasfaserausbau unbedingt notwendig. Die Pandemie zeigte deutlich, dass die Hausaufgaben in diesem Bereich nur unzureichend gemacht wurden. Im Vergleich zu anderen Ländern haben wir noch viel Nachholbedarf, der nun endlich aufgeholt werden muss. Bei den Planungen sollten wir dabei nicht den aktuellen Stand der Technik zugrunde legen, sondern visionär in die Zukunft denken. Die Digitalisierung muss in allen Bereichen priorisiert vorangetrieben werden.

Fortschreiten im Rahmen der Digitalisierung bedeutet für mich auch, dass ein flächendeckendes Mobilfunknetz und Glasfaseranschlüsse für jeden Haushalt ermöglicht werden. Hier müssen wir bei der Planung nicht nur an Morgen in Gigabyte, sondern besser schon an Übermorgen in Terabyte denken.

Wie sehen Sie die aktuelle Situation der Schulen und Bildungseinrichtungen im Landkreis?

Im regionalen Schulsektor ist es mir besonders wichtig, dass die Modernisierung der Schulen in Trägerschaft des Kreises, insbesondere die Fortschreibung der digitalen Infrastruktur zügig fortschreitet. Wir brauchen dringend energetische Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen an vielen Schulgebäuden im Kreis. Der Erhalt kleiner Schulstandorte ist mir ebenfalls sehr wichtig.

Wie wollen sie dem Leerstand in den ländlichen Regionen entgegentreten?

Das Problem der Leerstände betrifft viele Kommunen unserer Region. Hierbei handelt es sich in der Regel um wenig attraktive Immobilien, die sich oft im Zentrum der Dörfer befinden.

Die Kommunen müssen zunächst ihre Problembereiche analysieren, um dann beispielsweise im Zuge einer „Dorfmoderation“ ein Dorfentwicklungskonzept zu erstellen. Dieses soll unter Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger in den kommenden Jahren umgesetzt werden und zum zukunftsweisenden Leitfaden für die Weiterentwicklung der Gemeinde avancieren.

„Dorfmoderation“ bedeutet, die Bürger an der Zukunft ihres Dorfes aktiv zu beteiligen. Durch ihre Ideen, ihre Kreativität und ihre Verbesserungsvorschläge, soll die Zukunft des Dorfes mitgestaltet werden. Hierbei sollen alle Menschen im Dorf, angefangen bei unseren Kindern, bis hin zu den Senioren gleichermaßen beteiligt werden. Ihre Ideen sollen neue Impulse für das dörfliche Leben setzen und sie zugleich an der Entwicklung beteiligen. Wie Sie wissen, hat meine Gemeinde schon einige zukunftsweisende Projekte für die Entwicklung unseres Dorfes umgesetzt und verfolgt bereits jetzt zielstrebig neue Projekte. Eins der wichtigsten Projekte ist die Beseitigung zahlreicher Leerstände. Die Gemeinde hat das Projekt „Neue Mitte Mandern“ entwickelt und in den vergangenen vier Jahren bereits 11 Immobilien gekauft. Die Immobilien werden abgerissen. An dieser Stelle entsteht ein(e – streichen) Wohnprojekt für SeniorInnen und  Menschen mit Beeinträchtigungen. 

Als Landrat werde ich aktiv Projekte zur Dorfentwicklung unterstützen. Nur durch gemeinsame Anstrengungen von den einzelnen Kommunen, Bürgern und der Kreisverwaltung kann diesem Problem entgegengewirkt werden.

Klimaschutz und Umwelt! Was tun Sie ganz konkret persönlich im Alltag dafür? Welche drei relativ schnell umsetzbaren Ideen hätten Sie für den Landkreis?

Klimaschutz ist ein grundlegendes Thema in allen unseren gesellschaftlichen Bereichen. Dabei spielen auch in unserem Kreis alternative Formen der Energiegewinnung eine Schlüsselrolle. Ein bedeutender Aspekt dabei ist sicherlich, dass im Vorfeld die notwendigen infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Neben der Energiegewinnung ist immer auch ein Augenmerk auf die Schaffung von bezahlbaren Lösungen im Bereich der alternativen Energienutzung zu richten. Der Ausbau regenerativer Energien sollte forciert werden, aber nicht um jeden Preis.

Mittels einer aktiven Bürgerbeteiligung sowie der Berücksichtigung regionaler Besonderheiten können zum Beispiel durch Solidarpakte zwischen den einzelnen Kommunen nachhaltige Konzepte erstellt und entsprechende Projekte umgesetzt werden. Hier sollte man ganzheitlich für die Region und nicht mikrokosmisch denken.

Die Landwirtschaft ist sauer! Wie könnten Sie die Lebensmittelerzeuger unterstützen?

Das Problem unserer Landwirtschaft besteht darin, dass den Landwirten einfach nicht der Preis für ihre Ware gezahlt wird, die diese tatsächlich wert ist.  Die Landwirte wollen keine Subventionen bis zum bitteren Ende, die Landwirte wollen und brauchen eine gerechte Bezahlung ihrer Leistung.

Was sehen Sie als größte Herausforderung für den Landkreis Trier-Saarburg?

Die größte Herausforderung in den nächsten Jahren besteht darin, die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen und gleichzeitig visionär die Zukunft unseres Kreises zu entwickeln.

Wenn Sie Landrat werden… Was tun Sie als Allererstes?

Ich werde zuerst den aktuellen Ist-Zustand in allen Bereichen ermitteln und ein Kreisentwicklungskonzept unter Berücksichtigung neuer Schwerpunkte auf den Weg bringen; denn wir dürfen unsere Zukunft und die unserer Kinder nicht verschlafen.

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