Interview mit dem Landratskandidaten Trier-Saarburg Stefan Metzdorf (SPD)

Am 26. September wird nicht nur der Bundestag gewählt, sondern auch die nächste Landrätin oder der Landrat für den Landkreis Trier-Saarburg. Alle Kandidierenden haben Fragen der Redaktion beantwortet, die womöglich bei der Wahlentscheidung ausschlaggebend sein können. An jedem Abend wird eine Fragerunde online gehen – heute mit Stefan Metzdorf (SPD).

Stefan Metzdorf hat die Stichwahl gewonnnen und wird der neue Landrat in Trier-Saarburg.

Stellen Sie sich kurz vor!

Ich bin glücklich mit meiner Frau verheiratet, lebe seit 1998 in Gusterath und erfreue mich am Familienleben mit unseren drei Kindern. Als Sohn einer Arbeiterfamilie wurde ich 1963 in Trier geboren und bin in unserer Region fest verwurzelt. Ob als Ortsbürgermeister von Gusterath, als 1. Beigeordneter der Verbandsgemeinde Ruwer oder als Mitglied im Kreistag Trier-Saarburg – für mich steht seit Beginn meines politischen Werdeganges vor allem der enge Dialog zu den Bürgerinnen und Bürgern im Fokus. In all diesen Funktionen habe ich immer den Dialog mit den Menschen gesucht und mein Motto dabei war stets: Zuhören. Anpacken. Umsetzen.

Wo fühlen Sie sich in Ihrem Landkreis am wohlsten?

In meiner Heimat Gusterath in der Verbandsgemeinde Ruwer. Hier bin ich Ortsbürgermeister und mit meiner Familie Zuhause. Ansonsten auf den vielen Wanderwegen in unserem schönen Landkreis.

Für welche Werte steht Ihre Politik? Was zeichnet sie aus?

Die SPD ist die Partei, die den Weg für einen Aufstieg durch Bildung für alle frei gemacht hat. Davon habe ich sehr profitiert, das hat mich geprägt und diesen Weg wünsche ich mir für unsere Gesellschaft. Es ist leider unverändert so, dass ein ganz großer Teil der Beschäftigten in unserer Gesellschaft so wenig Geld verdient, dass er oder sie nicht in der Lage sind, den eigenen Lebensunterhalt wirklich einfach zu erwirtschaften und später eine gute Rente zu haben. Die SPD setzt sich für gute Entlohnung und Arbeitsbedingungen, ein faire sowie solidarische Gesellschaft ein.
Diese Ziele zu erreichen, dazu möchte ich beitragen. Darüber hinaus stehe ich für Sachpolitik, dabei ist mir das direkte Gespräch mit den örtlichen Kommunalpolitiker:innen und den Bürgerinnen und Bürgern besonders wichtig.

Wie beurteilen Sie die letzten Jahre bezüglich der Landes- und Kommunalpolitik? Was möchten Sie anders machen, was liegt Ihnen besonders am Herzen?

René Quante vom Bund der Steuerzahler sagte in einem Interview: „Es muss klar sein, dass Landräte vom Staat bezahlt werden, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Wenn aber ein Landrat im Nebenjob bei RWE mehr verdient denn als Landrat, kann man das keinem Bürger erklären.“
Diese Ansicht teile ich und will mich mit ganzer Kraft dem Landkreis Trier-Saarburg widmen. Ich will für unseren Landkreis die Ärmel hochkrempeln und die Anliegen der Bürger aufgreifen, anstatt meine Amtszeit in Aufsichtsgremien zu verbringen. Ich möchte 100% Landrat sein. Die Möglichkeiten, die uns das Land durch die Einführung der Landarztquote und der Einrichtung von Medizinstudienplätzen an der Universität Trier geboten hat, müssen wir für uns als Landkreis konsequent nutzen. Junge Menschen, die sich heute für ein Medizinstudium entscheiden, sind zu 70 Prozent Frauen. Insbesondere diese wollen oft keine klassische Einzelkämpfer Praxis führen, sondern ihren Beruf lieber in Gemeinschaftspraxen oder Ärztehäusern ausüben. Hierfür gibt es im Landkreis schon viele gute Beispiele etwa in Schweich, Saarburg oder Konz, das müssen wir begleiten, unterstützen und ausbauen. Als IT-Experte möchte ich vor allem die Chancen der Digitalisierung für unsere Verwaltungen und den Landkreis insgesamt in den Fokus nehmen. Der Bund hat hier Förderprogramme wie das Programm Smarte.Land.Regionen in dem die Chancen der Digitalisierung in den Bereichen Gesundheit und Pflege regional gefördert werden. Der Landkreis Trier-Saarburg ist hier leider bisher nicht vertreten, dass würde ich als Landrat in Zusammenarbeit mit Verena Hubertz, die unsere Region hoffentlich nach der Wahl in Berlin vertritt, gerne ändern. Spätestens die Corona-Pandemie hat uns allen auf vielen Ebenen vor Augen geführt, dass im Bereich der Digitalisierung noch viel Potenzial liegt und einiges verbessert werden muss. Als IT-Experte bin ich der Richtige, um den Landkreis hier voranzubringen. Vom Grundsatz will ich als Landrat neue Schwerpunkte für unsere Region setzen, um die Zukunft in unserem Landkreis nachhaltig zu gestalten. Zu meinen Zielen für Trier-Saarburg gehören erneuerbare Energien, ÖPNV, Kinder, Jugendliche und Familien, regionales Tourismus-Management, Gründung einer Kreiswohnungsbaugesellschaft und ein Leitbild für den gesamten Landkreis und die Kreisverwaltung. Hierbei werde als Landrat mit Weitsicht vorangehen und auch kritische Entwicklungen in der Kreispolitik ansprechen, um notwendige Veränderungen einzuleiten. Diese sind in meinen Augen ein unverzichtbarer Bestandteil einer nachhaltigen Politik.

Wie beurteilen Sie die Handlungen während und nach der Flutkatastrophe? Was hätten Sie anders gemacht und was wollen Sie anders machen?

Während der Flutkatastrophe hat sich einmal mehr gezeigt, wie großartig und wichtig ehrenamtliches Engagement beim Hochwasserschutz und der Folgenbewältigung war. Hier gilt es, diese Ehrenamtlichen ob nun bei der Feuerwehr, dem THW oder in den Ortsgemeinden zu unterstützen. Während meiner Besuche haben Ortsbürgermeister in den überfluteten Orten sich eine bessere Koordination der Unterstützungsmaßnahmen durch den Landkreis gewünscht. Die Gespräche mit den Betroffenen haben mir gezeigt, dass es nicht nur in diesen Fällen klare Ansprechpartner auf Kreisebene braucht. Diese müssen leicht erreichbar sein, schnell reagieren können und mich darauf hinweisen, wenn ein Problem Chefsache werden muss. Deutlich wurde also, dass es Verbesserungsbedarf bei dem Krisenmanagement und Katastrophenschutz gibt. Ein besonderer Focus gilt der Realisierung eines Lagezentrum in Abstimmung mit allen Beteiligten.

Seit dem 1. September 2021 gibt es neue Fahrpläne und Buslinien im ÖPNV – Sehen Sie weiterhin Verbesserungsbedarf?

In Sachen ÖPNV werde ich die positiven Ansätze der zurückliegenden Jahre aufgreifen und konsequent weiterführen. Mit den vier inzwischen umgesetzten Busbündeln und den kontinuierlichen Verbesserungen im Schienenpersonennahverkehr haben wir im Landkreis inzwischen ein recht gutes ÖPNV-Angebot realisiert. Das allein reicht für die Zukunft nicht aus. Wir müssen die Akzeptanz des ÖPNV in der Bevölkerung deutlich erhöhen, nicht zuletzt, um unsere Klimaziele zu erreichen. Dafür werde ich mich sowohl im Verkehrsverbund (VRT) wie im Zweckverband ÖPNV Rheinland-Pfalz Nord mit Nachdruck einsetzen. Mein Fokus wird dabei insbesondere bei der künftigen Tarifgestaltung liegen. Die heutigen ÖPNV-Tarife im VRT sind grundlegend zu reformieren. Sie müssen einfacher und transparenter, vor allem aber auch sozial gerechter werden. Zudem muss es einfacher werden, Fahrscheine zu erwerben. Auch hier wird die Digitalisierung künftig eine zentrale Rolle spielen, ohne dass die Menschen vergessen werden, die keinen oder nur begrenzten Zugang zu digitalen Medien haben. Auch das ÖPNV–Marketing muss neu gedacht werden. Neben der Information über Fahrpläne und Tarifangebotemüssen wir das Image des ÖPNV systematisch verbessern. Mit „Schnupperangeboten“ müssen wir die Bevölkerungsgruppen erreichen, die den ÖPNV bislang nicht oder nur ganz selten nutzen. Kombi-Angebote müssen bei Kultur- und Sportveranstaltungen eine Selbstverständlichkeit werden; für Touristen muss der Fahrschein als „Gästekarte“ Bestandteil des Übernachtungspreises werden, wie in anderen Tourismusregionen längst üblich.

Bleiben wir beim Verkehr: Wie stehen Sie zur kontroversen Westumfahrung?

Großprojekte wie der Moselaufstieg werden die Verkehrsprobleme unserer Region leider nicht lösen, das zeigen die bisher hierzu erschienenen Studien. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass eine Moselquerung fehlt. Ein Großprojekt wie der Moselaufstieg ist nach meiner Meinung nicht mehr zeitgemäß und vorgelegte Alternativen wurden nie ernsthaft geprüft. Wichtiger ist es, Alternativen wie den ÖPNV oder Radschnellwege auszugestalten und attraktiver zu machen. Dies scheitert leider nicht selten daran, dass die Nutzer:innen die Angebote nicht ausreichend annehmen. Deshalb gilt es in unseren ländlichen Regionen neue Modelle zu entwickeln. Hierzu wäre mein Vorschlag eine Zukunftswerkstatt andenken, die vor allem für Jugendliche, aber nicht nur Ihnen, das Fahren mit dem ÖPNV – gerade mit Blick auf den Klimawandel – interessant werden lässt. Hier wird noch viel zu oft mit alten Mustern, statt mit wirklich neuen Konzepten gearbeitet.

Wohnungen werden immer teurer – wie stehen Sie zu einem bezahlbaren Wohnraum?

Egal ob in der Stadt oder auf dem Land oder an der Luxemburger Grenze: Wohnen darf kein Luxusgut werden. Ich sehe in kommunalen und genossenschaftlichen Modellen wie Kreiswohnungsbaugesellschaften oder Wohnungsbaugenossenschaften besonders nachhaltige und geeignete Instrumente zur Schaffung von mehr sozialem Wohnraum. Hier können und müssen wir als Landkreis mehr tun. Auf andere Faktoren, wie etwa die derzeit stark steigenden Materialpreise hat der Landkreis keinen Einfluss. Allerdings gibt es bereits jetzt Fördermittel über die Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz (ISB), die man bis zu einer bestimmten Einkommensgrenze über die Kreisverwaltung beantragen kann. Diese Fördermittel hat meine Partei auf Landesebene von 2016 bis heute mehr als verdoppelt, als Landrat werde ich mich dafür einsetzen, diesen Weg weiterzugehen. Denn mir ist es wichtig, dass alle, die hier leben möchten, dies auch tun können und niemand ausgeschlossen ist.

Was sind die Pläne im Landkreis für flächendeckendes schnelles Internet? Was wurde in den letzten Jahren bereits umgesetzt?

Für tägliche Videokonferenzen im Homeoffice, digitalen Schulunterricht – ohne schnelle, stabile Internetverbindungen ist unser Alltag insbesondere in Pandemiezeiten kaum mehr zu bewerkstelligen. Seit 2016läuft im Landkreis Trier-Saarburg ein Ausbauprogramm, das schon viele „weiße Flecken“ bei der Breitbandversorgung beseitigt hat. Hier müssen wir als Landkreis allerdings weiter am Ball bleiben, bis auch die letzten dieser Flecken verschwunden sind, denn es ist völlig klar, dass die Anforderungen an die Netze weitersteigen werden. Eine schnelle Internetverbindung ist entscheidend für die Zukunftsfähigkeit unserer Gemeinden und Gewerbegebiete, deshalb müssen wir als Landkreis gemeinsam mit diesen für einen kontinuierlichen Netzausbau einsetzen.

Wie sehen Sie die aktuelle Situation der Schulen und Bildungseinrichtungen im Landkreis?

Wir haben zum Glück im Landkreis sehr engagierte Lehrer:innen und Erzieher:innen in Schulen und Kitas, die während der Pandemie oft über Ihre Grenzen hinaus gegangen sind um unsere Kinder mit Bildung zu versorgen. Hierfür vermisse ich oft die aus meiner Sicht gebotene Anerkennung. Im Bereich der frühkindlichen Bildung gibt es durch das Kita-Zukunftsgesetz große Veränderungen. Eines der Ziele dieser Reform ist die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, deshalb wird durch das neue Gesetz beispielsweise ein Anspruch auf eine durchgängige Betreuung von 7 Stunden gewährleistet. Für diesen Ausbau fehlt es aber häufig an ausreichend Nachwuchserzieher:innen. Wir müssen neue Wege gehen, um mehr junge Menschen, vor allem auch junge Männer für dieses Berufsfeld zu begeistern. Das ist eines der Themen das mich besonders intensiv beschäftigt, schließlich geht es um die Zukunft unserer Kinder. Bestürzt bin ich über den baulichen Zustand einiger Schulen, für die der Landkreis zuständig ist, wie beispielsweise dem der Realschule plus in Saarburg. Hier wird der Landkreis seiner Verantwortung nicht gerecht und das ist für mich ein schweres Versäumnis, dessen Beseitigung ich mich als Landrat besonders widmen würde.

Wie wollen sie dem Leerstand in den ländlichen Regionen entgegentreten?

Ein Dorf mit Breitband-Anschluss, Mehrgenerationen-Zentrum und viel Natur drumherum ist für manche Familie eine echte Alternative zur Stadt. Im Moment geht der Trend befördert durch die Pandemie genau in diese Richtung. Wir müssen auf dem Land die Infrastruktur schaffen damit, die Dörfer für Jung und Alt attraktiv bleiben. Dazu gehören wohnortnahe Schulen genauso wie gute ÖPNV Angebote wie die Förderung von Mehrgenerationen wohnen sowie schnelles Internet. Attraktive Dörfer und gute Nachbarschaften leben davon, dass Menschen ihre Heimat mitgestalten und gemeinsam etwas bewegen wollen. Davon will ich ein Teil sein, wir haben in unseren Kommunen viele Ehrenamtliche in Räten, Gremien und Vereinen. Sie und Ihr Engagement will ich fördern und motivieren, selbst aktiv zu werden. Hier werde ich für alle im Landkreis mit Rat und Tat ein verlässlicher Ansprechpartner sein.

Klimaschutz und Umwelt! Was tun Sie ganz konkret persönlich im Alltag dafür? Welche drei relativ schnell umsetzbaren Ideen hätten Sie für den Landkreis?

Ich persönlich bemühe mich im Alltag beispielsweise, unnötigen Plastikmüll zu vermeiden und wo immer möglich für Reisen die CO2 ärmste Alternative zu wählen. Für den Landkreis halte ich die Gründung eines Energie- und Klimaschutzbeirates, der Maßnahmen zum Klima- und Umweltschutz initiieren und bündeln kann, für sinnvoll. Ein zentrales Anliegen muss die energetische Optimierung der vorhandenen und geplanten kommunalen Liegenschaften sein, hier gibt es besonders viel Potenzial. Im Landkreis gibt es bereits beispielsweise rund um Hermeskeil oder Kell seit Jahren Initiativen zum Ausbau erneuerbarer Energien. Eine bessere Unterstützung durch den Landkreis wäre dringend nötig. Die haben unsere Ortsgemeinden in der Vergangenheit leider oft nicht bekommen, mit mir als Landrat ohne Interessenskonflikte würde sich das von Beginn meiner Amtszeit an ändern. Wir brauchen außerdem die schnelle Umsetzung von Radschnellwegen, wie beispielsweise den des bereits zwischen Schweich, Trier und Konz geplanten.

Die Landwirtschaft ist sauer! Wie könnten Sie die Lebensmittelerzeuger unterstützen ?

Unsere Landwirte brauchen mehr Wertschätzung und mehr Wertschöpfung. Hier ist natürlich hauptsächlich der Lebensmittelhandel in der Pflicht, aber auch den Konsumenten muss klar sein, dass Tierwohl und gute Qualität einen Preis haben. Wir brauchen mehr regionales Marketing, damit Lebensmittel in der Region zu guten Bedingungen erzeugt und verkauft werden können. Ich werde für die Anliegen unserer Landwirte immer ein offenes Ohr haben und Sie beim Aufbau besserer regionaler Strukturen unterstützen.

Was sehen Sie als größte Herausforderung für den Landkreis Trier-Saarburg?

Unser Landkreis ist mit der Corona-Pandemie und während der Flutkatastrophe durch zwei große Krisengegangen. Dabei sind wir als Landkreis bei den Themen sichere Schulen in der Pandemie oder Hilfe für von der Flut betroffene Ortsgemeinden unter unseren Möglichkeiten geblieben. Hier kann und muss der Landkreis mehr tun. Der Kreistag Trier-Saarburg, dem ich ebenfalls angehöre, hat aufgrund eines Antrags von SPD, Grüne sowie Linke ein Klimaschutzkonzept auf den Weg gebracht. Damit wird Klimaschutz auch auf Kreisebene endlich zu einem zentralen Thema, das bei allen Maßnahmen mit bedacht werden muss. Hier ist viel versäumt worden und hier gibt es deshalb besonders viel zu tun.

Wenn Sie Landrat werden… Was tun Sie als Allererstes?

Mich um die von der Flutkatastrophe betroffenen Ortsgemeinden kümmern und den Dialog mit den betroffenen Menschen weiterführen, damit die Hilfe des Kreises vor Ort spürbar und so effektiv wie möglich ist. Die Besuche vor Ort in den betroffenen Gemeinden lassen mich nicht los. Danach die Umsetzung des im Kreistagbeschlossenen und bereits erwähnten Klimaschutzkonzeptes voranbringen.
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