Interview mit Landratskandidat in Trier-Saarburg Günther Schartz (CDU)

Am 26. September wird nicht nur der Bundestag gewählt, sondern auch die nächste Landrätin oder der Landrat für den Landkreis Trier-Saarburg. Alle Kandidierenden haben Fragen der Redaktion beantwortet, die womöglich bei der Wahlentscheidung ausschlaggebend sein können. An jedem Abend wird eine Fragerunde online gehen – heute mit Amtsinhaber Günther Schartz (CDU).

Günther Schartz

Stellen Sie sich kurz vor! Wo fühlen Sie sich in Ihrem Landkreis am wohlsten?

Ich bin bodenständig, gerne unter Menschen. Am besten trifft man sich auf einer der vielen Veranstaltungen im Kreis. Privat ist es natürlich bei mir zu Hause.

Für welche Werte steht Ihre Politik? Was zeichnet sie aus?

Ich stehe für eine sachbezogene Politik, bin entscheidungsfreudig und kann klare Ziele formulieren. Als „Fan“ des ländlichen Raumes stehe ich politisch für die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse von Land und Stadt. Die Unterstützung unserer Unternehmen und Selbständiger liegt mir am Herzen. Natürlich genauso die Unterstützung sozial bedürftiger Menschen. Gleichzeitig sehe ich aber die Eigenverantwortung bei jeder und jedem Einzelnen für sein persönliches Auskommen, denn unser Landkreis bietet Arbeitsplätze in ausreichender Form.

Wie beurteilen Sie die letzten Jahre bezüglich der Landes- und Kommunalpolitik? Was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Es gab verschiedene Herausforderungen; die Flüchtlingskrise, die Corona-Pandemie und jetzt die Hochwasserkatastrophe an Sauer und Kyll. Diese habe die kommunale Ebene gefordert wie nie. Die kommunale Finanzschwäche und zunehmende Auflagen in fast allen Bereichen des Verwaltungshandelns lassen die Verfahren schwieriger werden, obwohl wir genau das Gegenteil brauchen. Ich setze mich deshalb für pragmatische und schnelle Verfahren ein und würde mir wünschen, dass manche Auflagen, die durch Gesetze und Verordnungen von Land und Bund für uns in der Verwaltung gemacht werden, einfach wegfallen.

Wie war für Sie die Flutkatastrophe? Lief alles problemlos/ kann man bzw. hätte man was anders machen können?

Die Flut ist ein bedrückendes Ereignis und für die Betroffenen oft eine finanzielle und menschliche Katastrophe. Im Wesentlichen lief vieles im Bereich des Katastrophenschutzes gut, die Ehrenamtlichen haben super gearbeitet. Die Hilfsbereitschaft war beeindruckend. Problemlos läuft solch eine Lage aber nie. Verbesserungsbedarf sehe ich in der Alarmierung der Bevölkerung mit Sirenen, denn die digitale Technik über Mobilfunk reicht nicht. Auch brauchen wir andere Sachausstattungen. Dazu gehören vor allem geländegängige Fahrzeuge. Die Logistik für Hilfsmittel muss überarbeitet werden. Wir hatten hier in den letzten Jahre schon einiges verbessert. Das muss jetzt forciert werden. Unsere Planungen für ein eigenes Lagezentrum des Kreises in Newel sehe ich durch die Ereignisse bestätigt und werde das konsequent umsetzen.

Seit dem 1. September 2021 gibt es neue Fahrpläne und Buslinien im ÖPNV – Sehen Sie weiterhin Verbesserungsbedarf?

Die neuen Fahrpläne im Ruwertal und Hochwald sind ein weiterer Baustein bei der Umsetzung eines flächendeckenden ÖPNV. In anderen Regionen des Kreises wurde das bereits erfolgreich umgesetzt. Wir schaffen es jetzt die Orte zu allen wesentlichen Tageszeiten an Werktagen und Wochenenden anzuschließen. Verbesserungsbedarf sehe ich nach den ersten Tagen des Betriebs im Schülerverkehr und in verschiedenen Fahrzeiten. Dort haben die Kapazitäten nicht überall gestimmt, auch sind Umläufe der Busse und Umsteigesituationen zu optimieren. Ein Teil der Probleme konnte in den ersten Tagen bereits gelöst werden. Für die Verfeinerung des Netzes starten jetzt in Teilbereichen Rufbusse und die digitalen Möglichkeiten müssen weiter ausgebaut werden. Dies muss auf das ganze Kreisgebiet ausgeweitet werden.

Bleiben wir beim Verkehr: Wie stehen Sie zur kontroversen Westumfahrung?

Der Moselaufstieg schließt den Saar-Obermosel-Raum mit seinen rund 60.000 Einwohnern an die A 64 und damit an das deutsche und das europäische Autobahnnetz an. Da hiermit die Umwege für LKW erheblich reduziert werden, ist das aktiver Klimaschutz und ein Segen für durch Lärm und Abgase belastete Anwohner. Und – die Hochwasserlage hat es gezeigt – wir brauchen südlich von Trier eine leistungsfähige Moselüberquerung, denn Trier wird immer ein Engpass bleiben. Kommt es auch dort zur Blockade von Verkehrswegen, dann sind die Rettungs- und Hilfsmöglichkeiten massiv eingeschränkt. Natürlich entlastet der Moselaufstieg die Stadt Trier massiv von Verkehr. Und eines ist klar: Im ländlichen Raum bleibt der Individualverkehr unverzichtbar. Er wird in Zukunft weiter die zentrale Rolle spielen und bei einer klimaschützenden Antriebsart sogar eher weiter zunehmen.

Wohnungen werden immer teurer – wie stehen Sie zu einem bezahlbaren Wohnraum?

Ja, das ist mittlerweile auch ein Problem im ländlichen Raum und es kommt wegen der Digitalisierung zu einer Verlagerung von Arbeitsplätzen in die Dörfer, eine gute Entwicklung, die besonders für Familien attraktiv ist. Zuerst ist die Ortsentwicklung gefragt. Wir müssen es schaffen, Leerstände in den Orten zu vermeiden und die Innenentwicklung zu forcieren. Neubaugebiete sind nicht die einzige Lösung. Neben den Wohnungsbauunternehmen sind die Sparkasse und die Volksbank gefragt, um bei der Entwicklung von Wohnraum mitzuwirken. Von beiden sind mir Programme und Initiativen zur Stärkung und Entwicklung des Wohnungsbaus, auch mit sozialen Komponenten bekannt. So können diese beiden Banken die Entwicklung in den Gemeinden unterstützen. Eine Kreiswohnungsbaugesellschaft halte ich aktuell für entbehrlich, denn der Einstieg des Staates bzw. der Kommunen ist subsidiär.

Was sind die Pläne im Landkreis für flächendeckendes schnelles Internet? Was wurde in den letzten Jahren bereits umgesetzt?

Im Rahmen seines Breitbandprogramms hat der Landkreis mit finanzieller Unterstützung des Bundes (80%) und des Landes (10%) bereits über 11.000 Haushalte und 600 Gewerbebetriebe in der Erschließung. Die weiteren Förderprogramme des Bundes werden wir konsequent umsetzen, so aktuell das „graue Flecken Programm“, mit dem die Internetversorgung weiter verfeinert wird. Das ist aber nicht alles. Wir müssen auch die Nutzung fördern. So hat die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises mit 4 Co-Working-Spaces unter dem Titel „Raumgewinn“ in Irsch/Saar, Trittenheim und Zemmer, demnächst auch in Hermeskeil dezentrale Arbeitsmöglichkeiten durch moderne Büros geschaffen und vermeiden so Pendlerverkehre. Internet ist für mich Wirtschaftsförderung, Ortsentwicklung und natürlich Sicherung von Lebensqualität!

Wie sehen Sie die aktuelle Situation der Schulen und Bildungseinrichtungen im Landkreis ?

Die Ausstattung ist in vielen Fällen gut. Beim Schulbau und -sanierung haben wir in den letzten Jahren über 100 Mio. Euro verausgabt. Neubauprojekte in Schweich, Hermeskeil, Waldrach und Kell am See sind realisiert oder in den Umsetzung. Die Sanierung des Konzer Schulzentrums läuft. In den nächsten Jahren sind zum Erhalt und Ausbau der Schulen noch rund 250 Mio. Euro Investitionen erforderlich und zwar an allen 17 Schulen des Kreises.
Die Umsetzung der Digitalpakte I bis IV läuft, wobei der Kreis in den letzten Jahren bereits erheblich in die Digitalisierung investiert hat. Für mich geht es aber nicht nur um Sachausstattung. Der Kreis hat in der Schulentwicklungsplanung immer Wert auf eine gute inhaltliche Ausrichtung der Schulen gelegt. Ein Schwerpunkt ist die Förderung von Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT). Ebenso müssen die Schulen die berufliche Bildung fördern, eine Aufgabe vor allem der Berufsschulen und der Fachoberschulen. Das sichert Fachkräfte für die Wirtschaft. Dazu hat der Kreis ein Bildungsbüro eingerichtet, das die Politik und die Schulen berät.

Wie wollen sie dem Leerstand in den ländlichen Regionen entgegentreten?

Leerstände gehen im Landkreis aktuell wegen des zunehmenden Siedlungsdrucks zurück. Auch die Digitalisierung mit der daraus folgenden Verlagerung von Arbeitsplätze führt zu einer Attraktivierung des ländlichen Raumes. Ich habe das bereits oben skizziert. Deshalb ist es jetzt wichtig, in der Ortsentwicklung zu steuern. Leerstände sind zu erfassen, die Gebäude evtl. aufzukaufen, dann entweder nutzbar zu machen oder die Flächen nach Abriss der Substanz neu zu bebauen. Ein schwer lösbares Problem ist die Nahversorgung wobei sich jetzt zeigt, dass über Bürgerengagement und moderne Automatentechnik bereits in vielen Fällen gute Lösungen gefunden wurden. Das alles dient im Übrigen auch der Sicherung der sozialen Strukturen im Dorf, denn lebendige Ortskerne sind Treffpunkte für alle Generationen.

Klimaschutz und Umwelt! Was tun Sie ganz konkret persönlich im Alltag dafür? Welche drei relativ schnell umsetzbaren Ideen hätten Sie für den Landkreis ?

Ich versuche im Alltag möglichst viele Verkehre zu vermeiden, stelle das Arbeiten öfter auf Video- oder Telefonkonferenzen um. Ideen und konkrete Projekte beim Kreis sehe ich in der zügigen Umsetzung unseres Radwegekonzeptes, bei dem zentrale Bausteine bereits gesetzt sind. Daneben ist Klimaschutz durch optimales öffentliches Bauen wichtig, denn die öffentliche Hand muss Vorbild sein. Dazu gehört die Energietechnik und die Nutzung der Dächer für PV-Anlagen. Das läuft bereits, denn der Kreis betreibt neben einem Nahwärmenetz in Hermeskeil mehrere Heizanlagen mit erneuerbaren Energien, so auch demnächst die „Eisspeicherheizung“ im Integrativen Schulprojekt Schweich. Und es stehen zahlreiche PV-Dachanlagen, sowie eine große PV-Freiflächenanlage im Kreiseigentum. Die laufenden Gewässerschutzprogramme an Ruwer, Kyll, Leuk sind Beispiele für nachhaltige Wasserwirtschaft. Andere Gewässer, die der Kreis zu unterhalten hat, sind einzubeziehen. Genauso will ich mit dem Land zusammen an der Sauer tätig werden. Weiterhin ist der Landkreis an zahlreichen Naturschutzprojekten beteiligt. Mit dem Obstbaumprogramm der „Zukunftsstiftung“ des Kreises und dem beschlossenen Ziel für jede Bewohnerin und jeden Bewohner des Kreises einen Baum zu pflanzen – das sind über 150.000 Stück – werden konkret und schnell Akzente gesetzt.

Die Landwirtschaft ist sauer! Wie könnten Sie die Lebensmittelerzeuger unterstützen?

Zuerst durch eine mögliche gute Sicherung der Produktionsflächen. Denn es darf nicht sein, dass die Landwirtschaft durch die Baulandentwicklung oder durch Ausgleichs— und Naturschutzmaßnahmen weiter zurückgedrängt wird. Landwirtschaft ist für mich Naturschutz durch Nutzung!
Zu hoher Flächendruck ist schädlich für die Umwelt, denn dies zwingt die Landwirte dazu, ihr Land intensiver zu nutzen. Für die Erzeugnisse unterstütze ich regionale Vermarktungssysteme, das schafft für die Kundschaft einen direkten Bezug zur Produktion und sichert regionale Wertschöpfung. So ist der Landkreis seit Jahrzehnten Gesellschafter des Erzeugergroßmarktes in Trier. Dass der Landkreis und alle Kommunen lokal einkaufen und vor allem die Essen in Schulen und Kitas aus der Region kommen, muss selbstverständlich sein. Ich sehe unsere Landwirte und Winzer in der Direktvermarktung bereits sehr gut aufgestellt.

Was sehen Sie als größte Herausforderung für den Landkreis Trier-Saarburg?

Neben allen strukturellen Herausforderungen sehe ich mittlerweile die ärztliche Versorgung auf dem Land als ein sehr großes Problem an. Denn es betrifft alle Altersgruppen. Die finanzielle Situation der Krankenhausversorgung ist zu verbessern. In Saarburg tut der Kreis das in seinem eigenen Haus. Sollte das auch in Hermeskeil nötig sein, dann muss der Kreis auch dort helfen. Die niedergelassene Ärzteschaft hat immense Nachwuchsprobleme. Hier muss der Kreis möglicherweise mit einsteigen, wie wir das bereits mit dem MVZ Konz mit Standorten in Konz und Saarburg gemacht haben. Zur Lösung gehört definitiv die Einbindung der Ärzteverbände und – kammer, denn dort werden die Arztsitze verteilt und es gibt keinen Grund warum Arztsitze nur in den Städten sein sollen!

Wenn Sie wieder Landrat werden… Was tun Sie als Allererstes?

Ich werde mich zuerst bei allen bedanken, die bei der Wahl zu Urne gegangen sind und ganz besonders bei denen, die mich gewählt haben. Sicher wird dann auch etwas gefeiert. Danach werde ich wie bisher und jetzt im Interview dargestellt meine Arbeit machen, denn es steht viel an, auch wegen der Bewältigung der Folgen aus der Hochwasserkatastrophe. Darauf haben die Betroffenen einen Anspruch.
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