Interview mit Landratskandidatin in Trier-Saarburg: Martina Wehrheim (DIE GRÜNEN)

Am 26. September wird nicht nur der Bundestag gewählt, sondern auch die nächste Landrätin oder der Landrat für den Landkreis

Am 26. September wird nicht nur der Bundestag gewählt, sondern auch die nächste Landrätin oder der Landrat für den Landkreis Trier-Saarburg. Alle Kandidierenden haben Fragen der Redaktion beantwortet, die womöglich bei der Wahlentscheidung ausschlaggebend sein können. An jedem Abend wird eine Fragerunde online gehen – heute mit Martina Wehrheim (DIE GRÜNEN).

Stellen Sie sich kurz vor!

Ich bin Juristin und habe 10 Jahre als Rechtsanwältin in Luxemburg gearbeitet, bevor ich Beamtin des Luxemburger Staates wurde. Ich bin im Außenministerium Luxemburgs als Juristin im Bereich der Aufnahme von Geflüchteten beschäftigt. Aktives Mitglied bei den Grünen bin ich seit 2004. Im gleichen Jahr wurde ich in den Stadtrat von Konz gewählt und war dort 15 Jahre als Stadträtin tätig, davon 10 Jahre als Fraktionsvorsitzende.  Seit 2019 bin ich Mitglied des Kreistages Trier- Saarburg, des ÖPNV-Ausschusses und Vertreterin in der VRT-Versammlung. Ich lebe in Konz und habe 3 Kinder und 1 Hund. Mit ihm laufe ich täglich.

Wo fühlen Sie sich in Ihrem Landkreis am wohlsten?

In Konz kenne ich mich am besten aus, aber da ich gern wandere und meine Kinder zu ihren Fußballspielen begleite, komme ich ziemlich rum im Kreis und finde, wir haben sehr viele schöne Ecken und eine beeindruckende Landschaft.
Also überall im Kreis, wo man Natur erleben kann, fühle ich mich wohl, eine gemütliche Gastronomie, die regionale Produkte anbietet, schätze ich auch.

Für welche Werte steht Ihre Politik? Was zeichnet sie aus?

Meine Politik steht vor allem für den Schutz des Klimas und der Umwelt. Das ist die Grundlage für unser Leben, die Zukunft unserer Kinder, unseren Wohlstand. Damit sind sehr viele andere Politikbereiche verbunden, Verkehr, Bauen, Energie, Landschaftsschutz, Flächenverbrauch, usw..

Wie beurteilen Sie die letzten Jahre bezüglich der Landes- und Kommunalpolitik? Was möchten Sie anders machen, was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Ich finde, wir müssen konsequenter im Klima-und Umweltschutz werden. Der ÖPNV wurde meines Erachtens zu stiefmütterlich behandelt, die Verkehrswende nicht aktiv angegangen. Auch bei den erneuerbaren Energien können wir noch nachlegen. In der Siedlungspolitik möchte ich einiges anders machen, sowohl gewerbliche als auch private Baugebiete sollen vorab auf ihre Klimabilanz geprüft werden. Die Frage des Flächenverbrauchs spielt dabei eine wichtige Rolle, aber auch CO2Emissionen oder -einsparungen, die Erhaltung bestehender Naturgebiete, Energiegewinnung, Dachbegrünungen zur Förderung eines gesunden Klimas. Kinder und Jugendliche sollen mehr wertgeschätzt werden in ihren Bedürfnissen, sie müssen gute Schulräumlichkeiten und sichere Schulwege erhalten. Die Beförderung mit dem ÖPNV sollte für Kinder und Jugendliche kostenfrei sein, ihre Beförderung in öffentlichen Verkehrsmitteln gesichert und nach den gleichen Standards erfolgen, wie wir sie auch für Erwachsene bieten.

Wie beurteilen Sie die Handlungen während und nach der Flutkatastrophe? Was hätten Sie anders gemacht und was wollen Sie anders machen?

Ich möchte es gar nicht soweit kommen lassen, aus dieser Erfahrung lernen, auf kommende Ereignisse vorbereitet sein. Das geht in andere Bereiche hinein, vor allem die Frage der Flächenversiegelung. Die Natur muss Platz haben, sonst nimmt sie ihn sich, das haben wir gelernt. Um uns zu schützen, müssen wir sehr genau hinschauen, wie natürliche Abläufe sind und wenig eingreifen. Im Oberlauf der Flüsse müssen bereits Ausweichflächen geschaffen werden. Zusätzlich wird es nötig sein, erforderliche Investitionen im Katastrophenschutz zu machen und Notfallkonzepte zu überarbeiten. Ich bin ein vorsichtiger Mensch, im Notfall würde ich kein Risiko eingehen, früh evakuieren.

Seit dem 1. September 2021 gibt es neue Fahrpläne und Buslinien im ÖPNV – Sehen Sie weiterhin Verbesserungsbedarf?

Ja, unbedingt. Die Linienbündel sind ja nicht wirklich eine Ausweitung des Angebots, sondern mehr eine Umstrukturierung. Ich möchte das Angebot deutlich erweitern, eine regelmäßige Anbindung aller Ortschaften im Kreis erreichen, mehr Geld in den ÖPNV stecken, um langfristig eine deutliche Verringerung des Individualverkehrs zu erreichen. Ich bin überzeugt, dass dies keinen Verzicht bedeutet, sondern dass wir damit am Ende nicht nur Geld sparen, sondern auch die Lebensqualität unserer Bevölkerung verbessern.

Bleiben wir beim Verkehr: Wie stehen Sie zur kontroversen Westumfahrung?

Die lehne ich ab. Nicht ohne Grund wurde dieses Projekt 40 Jahre nicht umgesetzt. Es ist nun noch mehr fehl am Platz denn je. Es widerspricht vehement jedem Klimaschutzgedanken, bedeutet mehr Individualverkehr, mehr CO2-Emissionen und eine katastrophale Zerstörung von Wald und wertvollen Wiesengebieten. Die Klimabilanz ist also verheerend. Außerdem lösen wir damit kein einziges unserer Verkehrsprobleme. Der Verkehr nach Trier ist überwiegend Zielverkehr, der wird bleiben. Wir müssen den Individualverkehr verringern. Das geht so nicht. Wir müssen mutige Wege gehen, den ÖPNV wirklich mit deutlichen Anreizen fördern, alternative Fortbewegungen

Wohnungen werden immer teurer – wie stehen Sie zu einem bezahlbaren Wohnraum?

Natürlich möchte ich für die Menschen im Kreis bezahlbaren Wohnraum. Ich möchte nicht weiter riesige Neubaugebiete auf der grünen Wiese schaffen, in denen dann sehr große Einfamilienhäuser für wenige entstehen, oft mit zwei Autos in der Garage. Ich möchte Strukturen in den bestehenden Wohnbereichen wiederbeleben, Altbausanierungen fördern, Lücken schließen, Wohnformen mit weniger Flächenverbrauch in den Fokus stellen.

Was sind die Pläne im Landkreis für flächendeckendes schnelles Internet? Was wurde in den letzten Jahren bereits umgesetzt?

Es wurden Verträge geschlossen, um das schnelle Internet kreisweit auszudehnen, allerdings sind dabei ländliche Bereiche bisher noch zu kurz gekommen. Hier muss nachgebessert werden.

Wie sehen Sie die aktuelle Situation der Schulen und Bildungseinrichtungen im Landkreis?

Der Kreis ist zuständig für die Gebäudesituation der Schulen im Kreis. Alle Schulen müssen energetisch auf den neuesten Stand gebracht werden. Das gilt auch für andere Bildungseinrichtungen in der Zuständigkeit des Kreises.
In enger Abstimmung mit dem Bildungsministerium sind auch die die Schulen betreffenden Corona-Maßnahmen umzusetzen, etwa durch die Beschaffung von ausreichend Raumlüftern und die Erstellung von Raumnutzungskonzepten und die Organisation der Schülerbeförderung.

Wie wollen sie dem Leerstand in den ländlichen Regionen entgegentreten?

Ich möchte zunächst ein Leerstandregister erstellen lassen, um einen Überblick über das Potential zu haben, das Gemeinden und Kreis zur Verfügung steht. Leerstände in den ländlichen Regionen sollten dann einer Nutzung zugeführt werden, in Form von Wohnraum oder für Gewerbe. Dies halte ich für vordringlich, da damit gleichzeitig weiterer Flächenverbrauch für Neubauten auf der grünen Wiese vermieden wird.

Klimaschutz und Umwelt! Was tun Sie ganz konkret persönlich im Alltag dafür? Welche drei relativ schnell umsetzbaren Ideen hätten Sie für den Landkreis?

Ich fahre möglichst mit dem ÖPNV, ansonsten mit einem Elektroauto. Ich kaufe biologische und regionale Produkte vor Ort ein, benutze beim Einkauf wieder verwendbare Behälter, vermeide Plastik. Ich saniere mein Haus energetisch.

Meine schnellen Ideen für den Kreis sind: Tarife des ÖPNV senken, für Schüler und Studierende kostenloser ÖPNV, gratis ÖPNV-Tickets statt gratis parken, neue Flächen für Windkraft ausschreiben, Photovoltaik und Dachbegrünung auf alle neuen Dächer, gewerblich wie privat.

Die Landwirtschaft ist sauer! Wie könnten Sie die Lebensmittelerzeuger unterstützen?

Durch Förderung der Umstellung auf Bioanbau und den Direktvertrieb regionaler Produkte.

Was sehen Sie als größte Herausforderung für den Landkreis Trier-Saarburg?

Den Landkreis klimaneutral zu machen. Das ist eines meiner wichtigsten Anliegen.

Wenn Sie Landrätin werden… Was tun Sie als Allererstes?

Den Dienstwagen wechseln auf ein elektrisch betriebenes Fahrzeug. Dienstreisen wenn möglich mit Fahrrad und ÖPNV machen. Infrastrukturen schaffen für die Umstellung auf Elektrobusse. Kein Gratisparken durch gratis ÖPNV-Tickets ersetzen. Verkehrskonzepte für und vor Schulen.

Meistgelesen